Bosnier bieten für Alno

Lesedauer: 9 Min
Ein Alno-Lastwagen verlässt das Werksgelände in Pfullendorf: Die bosnische Hastor-Gruppe verlangt vom Management des Küchenherst
Ein Alno-Lastwagen verlässt das Werksgelände in Pfullendorf: Die bosnische Hastor-Gruppe verlangt vom Management des Küchenherstellers „schnellstmöglich ein Konzept zur erfolgreichen Restrukturierung“. (Foto: dpa)
Ressortleiter Wirtschaft

Alle Hoffnungen des 1927 als „Selbstständige Schreinerei Albert Nothdurft“ gegründeten Küchenherstellers Alno ruhen nun auf der bosnischen Unternehmerfamilie Hastor. Über die Beteiligungsgesellschaft Tahoe hat die von Nijaz Hastor und seinen Söhnen Kenan und Damir geführte Firmengruppe ein Übernahmeangebot für das Traditionsunternehmen mit Sitz in Pfullendorf (Kreis Sigmaringen) abgegeben.

Wie aus den am Mittwoch vorgelegten Unterlagen hervorgeht, sollen die Alno-Aktionäre 0,50 Euro je Aktie bekommen. Eine erste Annahmefrist läuft bis zum 14. Dezember, danach gibt es noch einen zweiten Zeitraum vom 22. Dezember bis zum 4.Januar 2017.

Tahoe hat bereits Mitte Oktober 2,65 Prozent der Aktien gekauft, die die Investmentgesellschaft Nature Home gehalten hat. Für weitere 14,08 Prozent der Anteile, die noch im Besitz des amerikanischen Haushaltsgeräteherstellers Whirlpool sind, besitzt Tahoe eine Kaufoption: Der Verkauf kommt zustande, sobald das Kartellamt zustimmt. Eine Stimmrechtsvereinbarung verschafft Tahoe zudem die Kontrolle über zusätzliche 16,25 Prozent der Aktien, so dass der Investor bereits jetzt Zugriff auf ein Drittel der Alno-Anteile hat.

Vorstandschef Max Müller befürwortet den Einstieg der bosnischen Unternehmer. Die Anteile, die Alnos oberster Manager an seinem Unternehmen hält, hat er deswegen auch in die Hände des neuen Hauptaktionärs gegeben. „Ich freue mich sehr, dass Tahoe die Zukunft des Unternehmens aktiv mitgestalten wird“, sagt Müller. „Mit Tahoe haben wir einen strategischen Großinvestor, er gibt uns Stabilität und eine klare Perspektive für die Zukunft.“

Klare Strategie fehlt seit Langem

Diese klare Strategie fehlt bei Alno – und nicht erst seit gestern: Seit das schwäbische Unternehmen Mitte der 1990er-Jahre an die Börse ging, kämpft der Küchenhersteller gegen Überkapazitäten und um dauerhaft schwarze Zahlen. Trotz vieler Managementwechsel und Umbauten hat Alno in den vergangenen Jahren nur Verluste gemacht, die Schulden summieren sich mittlerweile auf eine Höhe von mehr als 150 Millionen Euro. So erwirtschaftete Alno 2015 bei einem Umsatz von gut 521 Millionen Euro einen Nettoverlust von 4,4Millionen Euro.

Tahoe sieht dennoch Potential in Alno – stellt jedoch klare Forderungen an Max Müller und dessen Führungsmannschaft. „Alno ist eine starke Marke, befindet sich aber seit vielen Jahren in einer nicht erfolgreichen Restrukturierung“, heißt es aus dem Umfeld von Tahoe. „Wir erwarten vom Management schnellstmöglich ein Konzept zur erfolgreichen Restrukturierung.“ Es sei zu früh, um über einzelne Maßnahmen zu sprechen, aber es gehe in erster Linie darum, im Inland die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken und das Potenzial im Ausland besser zu nutzen.

Der Kurs der Alno-Aktie liegt im Moment bei 0,47 Euro, die Marktkapitalisierung damit bei 35,5 Millionen Euro. Mit dem Angebot von 0,50 Euro pro Papier bewertet Tahoe den Küchenbauer nur marginal besser: Den Bosniern ist Alno 37,7 Millionen Euro wert.

Für die Übernahme hat Tahoe einen zweiten Bieter mit ins Boot geholt: die Beteiligungsgesellschaft Brillant 1953 mit Sitz im nordhessischen Eschwege. Die beiden Unternehmen verantworten die Offerte gemeinsam zum selben Preis. Wie aus den veröffentlichen Unterlagen hervorgeht, will Tahoe damit verhindern, das zwei von Alno begebene Anleihen durch die Investoren vorzeitig gekündigt werden können. Es geht um die Mittelstandsanleihe in Höhe von 45 Millionen Euro und die Wandelschuldverschreibung in Höhe von 14 Millionen Euro. Bei beiden Anleihen gibt es eine Klausel, die den Inhabern der Anleihe ein vorzeitiges Kündigungsrecht für den Fall einräumt, dass das Unternehmen in andere Hände gerät. Dann müsste Alno die Schulden in Höhe von 59 Millionen Euro sofort zurückzahlen. Aus dem Grund will Tahoe nur Aktien übernehmen bis zur Grenze von 49,5 Prozent und alle weiteren Papiere an Brillant 1953 weitergeben.

Geschäftsführer von Brillant 1953 ist der Steuerberater Volkmar Rode, der die Hastor-Gruppe in der Vergangenenheit schon mehrmals bei Übernahmen beraten hat. Rode war auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ nicht für eine Stellungnahme zu erreichen. Aus dem Umfeld von Tahoe hieß es, dass man in Rode einen „zuverlässigen und langjährigen Partner sehe, auf dessen Expertise man in der aktuellen Transaktion zurückgreifen will“.

Eine Transaktion, die für die weitverzweigte Hastor-Gruppe eine von vielen ist. Für Alno dagegen könnte sie mehr bedeuten: Sie könnte die ersehnte Wende einleiten – oder auch das endgültige Ende bedeuten. Denn sollten die Bosnier bei der Sanierung scheitern, wird sich schwer ein neuer Hoffnungsträger finden lassen.

Hintergrund: Der Alno-Investor

Die Unternehmergruppe von Nijaz Hastor sorgte im August für Aufsehen in ganz Deutschland: Denn zu Hastors Finanzholding „Eastern Horizon“ gehören nicht nur der Alno-Investor Tahoe, sondern auch Car Trim aus Plauen und ES Automobilguss aus Schönheide. Die beiden Automobilzulieferer setzten im Sommer wegen Streitigkeiten ihre Lieferungen an VW aus, so dass die Fließbänder in Wolfsburg mehrere Tage lang stillstanden.

Hinter „Eastern Horizon“ steht wiederum der Autozulieferer Prevent, auf dem der Erfolg der Hastors basiert. Heute arbeiten in dem weit verzweigten Familienimperium, zu dem auch Möbel- und Textilfirmen gehören, mehr als 12000 Menschen, die Gruppe kommt nach Schätzungen von Experten auf einen Jahresumsatz von knapp einer Milliarde Euro. Nach Recherchen des „Handelsblatts“ gehören die Hastors in ihrer Heimat Bosnien zu den wohlhabendsten Familien. Nijaz Hastor hat es sogar auf die „Forbes“-Liste der Superreichen geschafft. Die Gruppe bezeichnet sich selbst als größtes Privatunternehmen und als größten Exporteur in Bosnien-Herzegowina.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen