Barbies für die Mädchen, Lego für die Jungs – ist das noch zeitgemäß?

Barbie-Haus mit Barbie-Puppen in einem Kinderzimmer: „Wenn wir den Mädchen über die Werbung vermitteln, dass ihre Spielsachen vo
Barbie-Haus mit Barbie-Puppen in einem Kinderzimmer: „Wenn wir den Mädchen über die Werbung vermitteln, dass ihre Spielsachen vor allem mit der Betreuung und Pflege zu tun haben, mit der häuslichen Welt, dann sagen wir ihnen letztlich als Gesellschaft, dass sie sich auch als Erwachsene diesen Aufgaben widmen müssen“, sagt Spaniens Verbraucherminister Alberto Garzón zum Hintegrund seiner Initiative. (Foto: Anke Bingel/imago)
Ralph Schulze
Redakteur

Puppen und rosafarbene Spielsachen für Mädchen, Autos und Action-Spielzeug in schrillen Farbtönen für Jungen – damit soll in Spanien Schluss sein. Die Regierung der iberischen Halbinsel, in der 14 Frauen und nur neun Männer sitzen und die zu Europas Vorreitern in der Gleichstellungspolitik zählt, hat geschlechtsspezifischen Spielzeug den Kampf angesagt. Werbung, die sich nur an Mädchen oder nur an Jungen wendet, ist künftig in Spanien verboten.

Der Grund: Derart einseitige Werbung, in der den Kindern eingeredet werde, es gebe typisch weibliche oder männliche Spielsachen, sei sexistisch. „Spielen kennt kein Geschlecht“, sagt Alberto Garzón, Spaniens Minister für Verbraucherschutz. Mit sexistischen Spielsachen würden schon bei Kindern jene Rollenklischees geprägt, die später die Chancengleichheit behindern, zur Diskriminierung von Frauen führen und eine von Männern dominierte Gesellschaft fördern.

„Spielsachen ohne Rollenklischees machen die Jungen und Mädchen freier“, erklärte Garzón. Und er schaffte es mit sanftem Druck, mit dem Dachverband der nationalen Spielwarenindustrie ein verbindliches Abkommen zu schließen, mit dem sich die Hersteller künftig zu einer geschlechtsneutralen Produktwerbung verpflichten. „Die Werbung wird in der Zukunft zur Gleichstellung von Jungen und Mädchen beitragen“, verkündete Garzón.

Manche Slogans gehören der Geschichte an

Die wohl wichtigste Regel dieses Abkommens: „Die Unterscheidung von Spielsachen nur für Jungen oder nur für Mädchen ist verboten.“ Damit werden auch Werbespots untersagt, mit Botschaften wie: „Alles, was sich Mädchen wünschen.“ Oder: „Entdecke die Welt der kleinen Männer.“ Alles Spielzeug, egal ob es sich um einen Puppenwagen oder um eine Autorennbahn handelt, muss geschlechtsneutral beworben werden.

Auch die Sexualisierung von Spielsachen ist künftig verboten. Dazu gehört etwa, dass die Kleidung oder die Aufmachung von Barbiepuppen als besonders „sexy“ angepriesen werden. Auch Gewaltverherrlichung bei der Bewerbung von Action-Spielfiguren ist künftig nicht mehr erlaubt. Das Abkommen gilt für jede Spielzeugwerbung, die sich an Kinder unter 15 Jahren richtet.

Als Vater zweier kleiner Töchter weiß der 36-jährige Garzón, wie schon die Spielwelt die Zukunft der Kinder beeinflussen kann. „Wenn wir den Mädchen über die Werbung vermitteln, dass ihre Spielsachen vor allem mit der Betreuung und Pflege zu tun haben, mit der häuslichen Welt, dann sagen wir ihnen letztlich als Gesellschaft, dass sie sich auch als Erwachsene diesen Aufgaben widmen müssen.“

Mit solchen Klischees werde nicht die Gleichstellung, sondern die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau gefördert. „Es ist an der Zeit zu sagen: Jetzt reicht es“, heißt es in einem Zeichentrickvideo aus Garzóns Verbraucherschutzministerium. In dem Animationsfilm lässt Garzón eine Puppe sagen: „Wir haben das Recht, mit allen Kindern zu spielen. Und nicht nur mit 50 Prozent der Kinder.“

Nur die Rechtspopulisten sind dagegen

Der Vorstoß zur Vermeidung von Diskriminierung und zur Förderung der Gleichstellung in der Spielzeugwerbung ist in der Öffentlichkeit auf breite Zustimmung gestoßen. Auch die konservative Volkspartei, die im spanischen Parlament die Opposition anführt, hatte keine Einwände – sie plante einen ähnlichen Gesetzesentwurf. Nur die rechtspopulistische Partei VOX übte Kritik: Die neue Werbenorm sei eine „totalitäre“ Einmischung in die natürliche Entwicklung der Kinder, sagte ein Sprecher.

Auch Garzón weiß freilich, dass sein Werbeabkommen noch nicht perfekt ist: Denn es schließt nicht die elektronischen Video-, Konsolen- und Handyspiele mit ein, die in der Welt der Kinder eine immer größere Rolle spielen. Hier hat der Minister noch ein Stück Arbeit vor sich.

Trotzdem gilt das spanische Abkommen mit der nationalen Spielwarenindustrie als richtungsweisend in Europa, wo bisher nur wenige Staaten so weit fortgeschritten sind wie Spanien. Das früher so traditionelle Spanien hat sich in den vergangenen Jahren unter dem sozialistischen Premier Pedro Sánchez zu einem Vorreiter im Kampf gegen die Diskriminierung von Frauen, gegen die Macho-Kultur und für die Gleichstellung der Geschlechter entwickelt.

Deutschland liegt bei der Gleichberechtigung hinter Spanien

Nach der Statistik des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen zählt Spanien heute zusammen mit den skandinavischen Ländern, den Niederlanden und Frankreich in Sachen Gleichberechtigung zur EU-Spitzengruppe. Das südeuropäische Land liegt zum Beispiel vor Deutschland oder Österreich, die sich hinsichtlich der Fortschritte bei der Gleichstellung von Mann und Frau nur im EU-Mittelfeld bewegen.

Als Vorreiter gilt Spanien auch bei der Sensibilisierung hinsichtlich Gewalt gegen Frauen. In dieser Frage steht Spanien heute dank massiver Öffentlichkeitskampagnen und sehr harter Strafen besser da als viele andere europäische Nachbarstaaten. Speziell geschulte Richter, Staatsanwälte und Polizeieinheiten verfolgen inzwischen jegliche Gewalttaten gegen Frauen. Die Zahl der Todesopfer geht in Spanien zurück: Vor 15 Jahren starben innerhalb eines Jahres noch 76 Frauen durch die Hand ihres aktuellen oder früheren Lebenspartners, in 2021 waren es nur noch 44.

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