Autonomes Fahren kann Logistik-Kosten halbieren

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Studie einer Lastwagenfahrerkabine der Zukunft: Die Ruhepausen für den Fahrer könnten künftig wegfallen – und Transporte enorm v
Studie einer Lastwagenfahrerkabine der Zukunft: Die Ruhepausen für den Fahrer könnten künftig wegfallen – und Transporte enorm verbilligen. (Foto: : Daimler)
Ressortleiter Wirtschaft
dpa

Roboterautos, Automatisierung und Digitalisierung haben tiefgreifende Folgen für ganze Branchen – auch für die Transportwirtschaft: Bis zum Jahr 2030 könnten sich die Logistik-Kosten einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC zufolge beinahe halbieren. Die Automatisierung von Logistikprozessen, Abläufen und Lastwagen werde die Kosten möglicherweise um 47 Prozent senken, zeigen die Berechnungen der Strategieberater des Unternehmens. PwC stellt die Studie im Vorfeld der nächste Woche beginnenden Branchenmesse IAA Nutzfahrzeuge vor. Der Nachteil: Vier Fünftel der Einsparungen gehen demnach auf Einschnitte beim Personal in der Transport- und Logistikbranche zurück.

„Die Logistikbranche steht vor einem massiven technologischen Wandel, der altbekannte Geschäftsmodelle und traditionelle Rollen von Spediteuren, Lkw-Unternehmern oder Fernfahrern verändert“, warnte PwC-Berater Gerhard Nowak. Künftig werde es weniger um Ausstattungsmerkmale und Fahrkomfort gehen, sondern um die bessere Kostenbilanz pro Kilometer.

Und: Angesichts schwerer Lastwagenunfälle könnte ein fahrerloser Truck den Menschen in Deutschland sogar mehr Vertrauen einflößen – zumindest jedem Vierten. Das ergab eine Innofact-Studie für Bosch. 37 Prozent der Befragten machten keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine, allerdings würden noch immer knapp 40 Prozent der Befragten eher einem Lkw-Fahrer am Steuer ihr Vertrauen schenken. Mehr als jeder Zweite (56 Prozent) findet zudem, dass zu viele Fahrzeuge für den Güterverkehr unterwegs sind – selber dazu beitragen, den Transportverkehr zu verringern, wollen laut Befragung aber nur wenige: Fast drei Viertel (73 Prozent) wollen sich demnach beim Online-Shopping nicht einschränken.

Die Studie von PwC geht von enormen Effizienzsteigerungen aus – autonom fahrende Lastwagen werden womöglich ab 2030 bereits 78 Prozent der verfügbaren Zeit unterwegs sein anstatt wie heute 29 Prozent. Denn Ruhepausen für Fahrer könnten entfallen und Leerlaufzeiten dank des Einsatzes von Algorithmen sinken. Auch dürfte die Kabine wegfallen, hier könnten Lkw-Bauer bis zu 30 000 Euro pro Fahrzeug sparen. Indes fielen für die Technologien zum autonomen Fahren auch höhere Kosten von 23 000 Euro pro Truck an, so die Studie. Insgesamt würden die Lkw-Preise aber um etwa sieben Prozent sinken.

Die Steigerung der Effizienz aufgrund von sinkenden Personalkosten wird – so die Prognose – ein Problem der Logistikbranche mittelfristig etwas entschärfen. Denn die Unternehmen suchen seit Jahren verzweifelt nach Fahrern. Nach Informationen des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL) fehlen bundesweit 45 000 Fernfahrer. Dieses Problem werde sich noch verschärfen, weil viele Arbeitnehmer älter als 45 Jahre sind und in den nächsten 15 Jahren in Rente gehen. „Nicht zuletzt aus dem Grund stehen wir den technischen Neuerungen sehr aufgeschlossen gegenüber“, sagt VSL-Geschäftsführer Andreas Marongiu der „Schwäbischen Zeitung“. „Wir werden alles fördern, was uns entlastet.“ Allerdings geht Marongiu nicht davon aus, dass innerhalb der nächsten zwölf Jahre Lastwagen komplett autonom unterwegs sein werden. „Die Fahrer werden viele elektronische Helferlein bekommen, die die Lastwagenlenker unterstützen und die Unfallzahlen senken.“ Zuerst werde man das auf der Autobahn als einem geschlossenen System erleben.

Vollautomatischer Logistikhof

Große Veränderungen prophezeit die PwC-Studie nicht nur für die Straße, sondern auch für den Fabrikhof. Die Nutzfahrzeug- und die Logistikbranche werde zu einem digitalen Ökosystem verschmelzen, erläutert Nowak. Schon jetzt kämen Roboter in Verteilerzentren und E-Fahrzeugen für die Last-Mile-Logistik – den Versand bis zur Haustür – zum Einsatz. Was fehle, sei der automatisierte Abgleich von Fracht und verfügbaren Fahrzeugen. In einer automatisierten Lieferkette würde ein Produkt auf der Fertigungsstraße bereits mit der digitalen Information produziert, kurz vor Fertigstellung den Transport für die eigene Auslieferung zu buchen, sagte er.

Eine digitalisierte Lieferkette hilft der Studie zufolge künftig, Verwaltungsaufwand zu sparen, zeitintensive Inventuren zu ersetzen, Fehler zu vermeiden und Versicherungskosten zu senken. Vollautomatisiertes Entladen, Einlagern und Beladen von autonomen Transportern durch Roboter sorge ebenfalls für mehr Effizienz.

Nowak ergänzte, die Hersteller müssten auch Geschäftsmodelle mit Mobilitätsdienstleistungen entwickeln – um dort in Konkurrenz zu Leasing-Unternehmen und großen Hightech-Unternehmen zu treten, die bereits autonome Truck-Flotten planten. Das bedeute Wettbewerb mit den heutigen Kunden – „eine delikate Herausforderung“, sagte er.

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