„Automatenkönig“ Paul Gauselmann: 40-Stunden-Woche mit fast 85

Lesedauer: 8 Min
 Paul Gauselmann, der Vorstandssprecher der Gauselmann-Gruppe, sitzt im Showroom seines Firmensitzes: „Arbeit ist 50 Prozent Hob
Paul Gauselmann, der Vorstandssprecher der Gauselmann-Gruppe, sitzt im Showroom seines Firmensitzes: „Arbeit ist 50 Prozent Hobby und 50 Prozent Pflicht“, sagt der Unternehmer, der am Montag 85 Jahre alt wird. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Carsten Linnhoff

Er spielt doch so gerne. Die Hosenbeine bis zu den Knien hochgekrempelt, auf dem Kopf eine weiße Kappe, Schweißband, weißer Pullunder, darunter ein blaues T-Shirt: So trat Paul Gauselmann im letzten Spiel um die Westdeutsche Tennis-Meisterschaft in der Regionalliga West an. Mit seinem Doppelpartner sorgte der – laut „Forbes“-Reichenliste – Milliardär am Ende für ein sicheres 6:0 des TV Espelkamp gegen den Gegner aus Dortmund.

Dabei war der Vereins-Ehrenvorsitzende Gauselmann, der als „Automatenkönig“ aus Ostwestfalen in seinem Leben ein Vermögen mit dem Glücksspiel gemacht hat, eigentlich erkältet. Egal, Gauselmann, der am Montag 85 Jahre alt wird, spielt für sein Leben gern. Anfang September will er dann Deutscher Meister in der Altersklasse Herren 75 in Hildesheim werden.

Gauselmann ist einer der letzten Firmenpatriarchen der Nachkriegszeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er aus dem Nichts sein Imperium aufgebaut. Angefangen hatte er als Automatenaufsteller bei der Firma Harting, die ihren Sitz ebenfalls in Espelkamp hat und nun elektronische Steckverbindungen für die Industrie baut. Er wechselt mehrmals den Arbeitgeber, tüftelt nebenbei an technischen Neuerungen und macht sich 1964 selbstständig: Er arbeitet Musikboxen auf.

1974 eröffnet Gauselmann in Delmenhorst seine erste Spielothek mit der „Merkur“-Sonne: „Hell, Teppichboden, Hydrokultur-Pflanzen, Kaffee.“ 1976 bekommt er die Zulassung für seinen ersten selbstentwickelten Geldspielautomaten.

2018 setzte Gauselmann mit der Produktion und dem Vertrieb von Glücksspielautomaten sowie Spielhallen und Casinos mit mehr als 13 300 Mitarbeitern weltweit rund 2,4 Milliarden Euro um. Dabei ärgert sich der „Automatenkönig“ oft über den Gesetzgeber. „Die Politik hat 2012 das Internet verpasst“, sagt Gauselmann kurz vor seinem Geburtstag.

In Deutschland gilt ein staatliches Wettmonopol. Sportwetten von privaten Anbietern werden momentan nur geduldet. Mit dem Glücksspielstaatsvertrag von 2012 sollten eigentlich begrenzte Lizenzen vergeben werden. Gerichtliche Einsprüche verhinderten dies. Jetzt ein neuer Anlauf: Lizenzen sollen von Anfang 2020 an für eineinhalb Jahre gelten. Gauselmann steht mit XTip in Konkurrenz mit Anbietern wie Tipico oder Oddset, dem Angebot der Länder-Lottogesellschaften.

Nach Zahlen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) geben rund 40 Prozent der 16- bis 70-Jährigen an, im vergangenen Jahr Glücksspiele gespielt zu haben. Rund eine halbe Million Menschen dieser Altersgruppe habe demnach ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten.

Gauselmann verweist dagegen darauf, dass die Umsätze in der Branche seit Jahren steigen, aber die Zahl der Spielsüchtigen nicht entsprechend mitgewachsen sei. Nach Angaben der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm schwanken die Zahlen von Problem-Spielern in Deutschland seit 2008 zwischen 326 000 und 340 000.

Wegen dieser Promille-Werte will Gauselmann den ihm zugeschobenen Schwarzen Peter nicht akzeptieren. „Kontrollen für Spielsüchtige machen in unserer Branche nur Sinn, wenn sie übergreifend überall und über alle Spielgattungen, auch im Internet, mit moderner biometrischer Gesichtserkennung, eingeführt werden. Und wenn die Politik das will, wäre das auch möglich. Bei Bankgeschäften geht das ja auch“, sagt Gauselmann.

An seinem Schreibtisch sitzt er trotz seines hohen Alters noch jeden Tag. „Ich lese morgens eine Stunde lang die neusten Zeitungen.“ Am Schreibtisch zu Hause erledigt der Vater von vier Söhnen und Großvater von neun Enkelkindern, darunter sieben Mädchen, die erste Post und fährt gegen 14 Uhr ins Unternehmen. „Arbeit ist 50 Prozent Hobby und 50 Prozent Pflicht“, sagt Gauselmann. Früher riss er 80 Stunden pro Woche ab, heute sind es noch 40.

Auf der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen steht Gauselmann mit einem Vermögen von geschätzten vier Milliarden US-Dollar (3,6 Milliarden Euro) auf Platz 478. In Ostwestfalen führt er mit großem Abstand die Liste an. Bertelsmann-Chefin Liz Mohn folgt auf Platz 714 und 2,8 Milliarden Dollar. Fleischer Clemens Tönnies besitzt geschätzte 1,6 Milliarden und rangiert damit auf Platz 1349.

2015 stellte Gauselmann das Unternehmen unter das Dach einer Familienstiftung. „Dass wir das gemacht haben, war eine meiner besten Entscheidungen. Wenn ich das nicht gemacht hätte, wären 150 bis 200 Millionen Euro an Erbschaftssteuern fällig geworden“, sagt er.

Die eigenen Produkte liegen ihm am Herzen, betont er. „Einmal pro Woche bin ich in der Entwicklungsabteilung. Es geht darum, Ideen zu haben und sie umzusetzen. Das Ergebnis sind bis heute etwa 350 Patente“, sagt der Unternehmer, der nach dem Tod seiner ersten Frau 1967 noch einmal geheiratet hat. Und die Mitarbeiter nehmen seine Ratschläge an? „Ich freue mich, wenn ich Recht hatte und meine Ideen werden umgesetzt. Aber ich irre auch mal und kann das auch zugeben.“

Über sich selbst sagt der Milliardär: „Ich bin sparsam, habe nur ein Auto und nur ein Privathaus.“ Im engsten Mitarbeiterkreis schmunzeln sie ab und zu über den Blick auf jeden Cent. Wenn Gauselmann mit dem Zug nach Berlin fahre, nehme der Chef auf keinen Fall am Zielort ein Taxi. Schließlich seien ja im Bahnticket S- und U-Bahn mit enthalten.

Seine Spielleidenschaft erklärt sich der Sohn eines Heizers aus dem Münsterland mit seinen Kriegserfahrungen. In den Bombennächten habe er stundenlang mit seinen Brüdern gespielt. Und heute? „Ich spiele jeden Abend Backgammon. Schach ist meine Leidenschaft. Einmal im Monat spiele ich Doppelkopf, zwei bis drei Mal Karten mit meiner Frau. Mal gewinnt sie, mal ich.“

Gauselmann glaubt nicht an Glück, sondern vertraut der eigenen Leistung. „Das einzige Glück ist, dass mir noch kein Backstein auf den Kopf gefallen ist“, sagte er vor fünf Jahren vor seinem 80. Geburtstag. Seine Glückssträhne hält an.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen