Autoindustrie fürchtet um Jobs

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Autos im Stadtverkehr: Schon jetzt ist absehbar, dass die deutschen Autohersteller auch den Grenzwert für 2020 wahrscheinlich ni
Autos im Stadtverkehr: Schon jetzt ist absehbar, dass die deutschen Autohersteller auch den Grenzwert für 2020 wahrscheinlich nicht schaffen werden. (Foto: dpa)
Brigitte Scholtesund unseren Agenturen

Die Autoindustrie kritisiert die geplante Verschärfung der Kohlendioxid-Grenzwerte für Neuwagen bis 2030. Einem Kompromiss der EU-Umweltminister zufolge sollen Hersteller den Ausstoß des Treibhausgases CO2 aus ihren Fahrzeugen deutlich senken. Bis 2030 soll der CO2-Ausstoß in der EU um 35 Prozent gegenüber dem Grenzwert von 95 Gramm je Kilometer verringert werden, der für 2020 geplant ist. Der Branchenverband VDA reagierte mit scharfer Kritik.

„Die europäische Automobilindustrie wird im internationalen Wettbewerb stärker belastet als ihre Wettbewerber“, sagte VDA-Präsident Bernhard Mattes. So würden Vorgaben gemacht, die die Akzeptanz beim Kunden, technische Machbarkeit und wirtschaftliche Möglichkeit nicht in Einklang brächten: „Damit werden Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt und der Industriestandort geschwächt.“ Der europäische Herstellerverband Acea monierte, der Beschluss berge das Risiko „negativer Folgen für die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie, Autoarbeiter und Verbraucher“. VW-Chef Herbert Diess warnte in der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Transformation in der Geschwindigkeit und mit den Auswirkungen ist kaum zu managen.“ Sollte gar das 40-Prozent-Ziel angepeilt werden, dürfte „etwa ein Viertel der Jobs in unseren Werken wegfallen“.

Große Fahrzeuge sind beliebt

Schon jetzt ist absehbar, dass die deutschen Autohersteller auch den Grenzwert für 2020, der jeweils für die gesamte Flotte eines Autobauers gilt, nicht schaffen werden. Nach den Zahlen des Kraftfahrtbundesamts lag der durchschnittliche CO2-Ausstoß aller in Deutschland neu zugelassenen Pkw im September bei gut 132 Gramm je Kilometer. Das liegt vor allem an den sinkenden Zulassungszahlen für Dieselfahrzeuge. Die Kunden wenden sich aus Sorge um drohende Fahrverbote beim Kauf verstärkt den Benzinern zu, die aber mehr Kohlendioxid ausstoßen als Diesel. Da sie gleichzeitig große, verbrauchsstarke Fahrzeuge wie SUVs bevorzugen, treibt das den CO2-Ausstoß weiter.

Die strengeren Grenzwerte seien schon eine große Herausforderung, meint Stefan Bratzel, Autoexperte vom Center für Automotive Management an der FH Bergisch-Gladbach. Die Hersteller müssten dann vermehrt auf kleinere Motoren und damit kleinere Fahrzeuge setzen – und auf einen großen Marktanteil von Elektrofahrzeugen. „Die Elektromobilität zu entwickeln – damit fangen die deutschen Hersteller aber gerade erst an“, sagt Bratzel. Hinzu komme Unsicherheit für die Beschäftigung: „Das wird einen enormen Strukturwandel bedeuten, wenn man auf diese Grenzwerte kommen möchte.“

Die Sorge vor Jobverlusten werde oft als „Totschlagsargument“ angeführt, glaubt jedoch Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg. „Das Gegenteil ist der Fall: Wir qualifizieren uns für die Zukunft. Wir sollten vielmehr überlegen, was kann die deutsche Industrie, was können deutsche Ingenieure? Denn die brauchen die Herausforderung.“ Dann würden sie innovativ. Das habe sich in der Vergangenheit gezeigt, als sie auf die Vorgabe der ersten Grenzwerte von noch 130 Gramm je Kilometer etwa leichte Hybride entwickelt hätten oder die Start-Stopp-Automatik – Technologie, mit der sie heute gutes Geld verdiene. „Die Autoindustrie jammert immer zunächst einmal, weil sie Investitionen gern in die Zukunft verschieben möchte“, meint Dudenhöffer. Dann aber liefere sie doch.

Doch ob die deutschen Autobauer noch an Strafzahlungen vorbei kommen, daran zweifeln andere Experten, auch wenn mit solchen Zahlungen ein Imageschaden verbunden sei. Diese werden von 2022 an fällig, sollten die Hersteller die Vorgaben für 2020 nicht einhalten. Die Industrie kalkuliere da ganz nüchtern, erklärt Jürgen Pieper, Analyst des Bankhauses Metzler. Denn die Autobauer würden wohl die Strafzahlungen von vielleicht insgesamt drei bis fünf Milliarden Euro aufrechnen gegen den Gewinn, den sie aus dem Verkauf von teuren Autos mit hohem Schadstoffausstoß erzielen könnten. Denn mit denen erzielten sie eine hohe Rendite, die einen großen Anteil an den Gesamtgewinnen von etwa 40 Milliarden Euro hätten: „Strafzahlungen könnten nach deren Rechnung der bessere Weg sein gegenüber dem Verzicht auf einen Teil der Flotte.“

Diskussion um Revisionsklausel: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den von den EU-Umweltministern erzielten Kompromiss zur Senkung des CO2-Ausstoßes von Fahrzeugen begrüßt. Es sei ein Ergebnis zustande gekommen, das „auch aus meiner Sicht tragbar ist“, sagte sie. Der Kompromiss sieht vor, dass die Emissionen von Pkw bis 2030 um 35 Prozent im Vergleich zu den Werten von 2021 gesenkt werden, bei Lieferwagen sollen es 30 Prozent sein. Schon jetzt gilt, dass Neuwagen im Flottendurchschnitt 2020 nicht mehr als 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen sollen. Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) sprach sich für eine Revisionsklausel aus. Damit könnte der ursprüngliche Vorschlag der EU-Kommission – eine Minderung um 30 Prozent gegenüber 2020 – nachjustiert werden, sollte der Umbau zu mehr E-Mobilität besser laufen als erwartet. Nach Merkels Angaben ist in der Einigung der EU-Staaten für 2023 eine Revisionsklausel angedacht. (AFP/dpa)

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