Arbeitswelt: Dienst nach Vorschrift tötet die Motivation

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Fehlende Mitarbeiter-Motivation kostet Unternehmen viel Geld. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Susanne Schulz
Redakteurin

Innere Kündigung ist in Deutschland weiter verbreitet als gedacht: Der Mangel an emotionaler Bindung an den Arbeitgeber kostet deutsche Unternehmen dem Umfrage-Institut Gallup zufolge jährlich zwischen 112 und 138 Milliarden Euro. Die Kosten entstehen durch häufige Jobwechsel, was häufigere Bewerbungszyklen, ineffiziente Einarbeitungszeit, Demoralisierung im Betriebsklima sowie Imageverlust nach sich zieht.

Das Gefühl, ein unbedeutendes, austauschbares Rädchen im Betrieb zu sein, treibt viele Arbeitnehmer um. Der repräsentativen Gallup-Umfrage zufolge haben 61 Prozent der Beschäftigten nur eine geringe emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber und 24 Prozent gar keine. Die emotionale Bindung steht dafür, wie ernst genommen sich die Mitarbeiter im Unternehmen fühlen.

Ohnmächtig und bedeutungslos

Wer kennt ihn nicht, den Kollegen, der die jüngste Entscheidung der Geschäftsleitung ebenso wie seine Überstunden oder seine Bezahlung stets mit zynischen Bemerkungen garniert? Seine Kommentare haben immer dieselbe Aussage: „Die da oben machen ja ohnehin was sie wollen und wir hier unten müssen es dann ausbaden.“ Zynismus am Arbeitsplatz ist ein Zeichen für das Aufgeben: Wir glauben nicht mehr daran, die Umstände irgendwie beeinflussen zu können. Wir fühlen uns ohnmächtig und bedeutungslos. Würden wir uns mit dieser Attitüde auf der Skala des Engagement-Index’ von Gallup suchen, so würden wir uns in derjenigen Gruppe von Berufstätigen wiederfinden, die nur eine geringe oder gar keine emotionale Bindung an ihr Unternehmen haben.

Zu der Gruppe mit geringer emotionaler Bindung können auch diejenigen gehören, die ihre Arbeit eigentlich gut erledigen. Diesen Schluss kann man aus den Ausführungen von Anja Förster und Peter Kreuz in ihrem Buch „Hört auf zu arbeiten!“ ziehen. Die Mitarbeiter liefern gute Arbeit ab, weil sie das Geld brauchen und auch ab und zu ein wenig Anerkennung vom Chef bekommen. Sie haben sich mit dem herrschenden System der Hierarchie und Unterordnung arrangiert. Aber sie verrichten nur wenig mehr als ihren 0815-Job. Auch sie haben nicht das „Funkeln in den Augen“, wie es Förster und Kreuz in ihrem Buch nennen. Damit meint das Autorenteam ein Gefühl der Begeisterung, der Erfüllung, der Berufung, die uns zu unserem Tun beflügelt, die die letzten Energiereserven mobilisiert, die uns Kraft, Mut und Ideen gibt.

Jeder hat so etwas schon einmal erlebt. Sollte der Beruf aber nicht immer so sein? Oder zumindest immer wieder einmal? Schließlich verbringen wir als Vollzeit-Arbeitnehmer einen Großteil unserer Lebenszeit mit Arbeiten. Förster und Kreuz definieren: „Wirklich frei sind wir eben nur dann, wenn wir uns zu einer Arbeit aus eigenem Antrieb und aus freien Stücken verpflichten – um der Arbeit willen. Nicht um eine Gegenleistung dafür zu bekommen!“ Doch offenbar erfüllen nur sehr wenige Jobs diese Bedingung für das „Funkeln in den Augen“. Förster und Kreuz sind der Frage nachgegangen, warum das so ist, und liegen mit ihrem Ergebnis nah bei dem, was auch die Gallup-Umfrage zeigt: Es liegt an der mangelnden Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, dem kontrollierenden Management-Stil, der überbetonten Rollenverteilung zwischen Vorgesetztem und Untergebenem.

System verändern statt akzeptieren

Ketzerisch fragen sie: „Wie wäre es, wenn Sie aufhören würden, das System zu akzeptieren, wie es ist – und stattdessen anfangen würden, es zu verändern? Jeder für sich in seinem Umfeld. Und ohne den Job aufzugeben!“ Dabei gehen sie mit dem traditionellen Management hart ins Gericht. Wer Leistung, Engagement und Kreativität von seinen Mitarbeitern erwarte, müsse ihnen „echte Freiheit und echtes Vertrauen“ entgegenbringen. „Keine fixierten, persönlichen Ziele mehr vorgeben. Und auf Anweisung und Kontrolle von oben verzichten. Stattdessen werden Entscheidungen von den Mitarbeitern getroffen, die am Geschehen dran sind. Managementpositionen sind abgeschafft.“

Das sei keine ferne Zukunftsmusik, denn das traditionelle Management verliere bereits seine Wirkung, glaubt Förster: Es werde von der auf den Arbeitsmarkt nachrückenden Generation der Jahrgänge 1980 bis 1995 immer weniger akzeptiert.

„Hört auf zu arbeiten!

Eine Anstiftung das zu tun, was wirklich zählt“ von Anja Förster und Peter Kreuz, erschienen 2013 im Pantheon-Verlag.

ISBN: 978-3-570-55189-9

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