Am Himmel und am Boden wird es eng für Airlines und Passagiere

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 Wartende Fluggäste am Flughafen in München: Das unerwartet starke Verkehrswachstum hat die Infrastruktur der Flugbranche an vi
Wartende Fluggäste am Flughafen in München: Das unerwartet starke Verkehrswachstum hat die Infrastruktur der Flugbranche an vielen Stellen an die Grenzen gebracht. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Christian Ebner

Wenn am Freitag die Verkehrsminister von Bund und Ländern mit den Spitzen der deutschen Luftverkehrsindustrie zu einem „Gipfel“ zusammenkommen, haben sie einiges zu besprechen. Die Branche hat in ganz Europa einen katastrophalen Sommer hinter sich, was die Verlässlichkeit ihres Angebots anging. Für Tausende Passagiere bedeutete das Ärger und Frust über Verspätungen und geplatzte Urlaubspläne. Das unerwartet starke Verkehrswachstum hat die Infrastruktur an vielen Stellen an die Grenzen gebracht. Die wichtigsten Problemfelder und Lösungsansätze:

Die Infrastruktur am Boden wächst in Deutschland nur langsam. Der Hauptstadt-Flughafen BER wird nicht fertig, in Frankfurt und Düsseldorf sind die Terminals an ihren Kapazitätsgrenzen. Am zweitgrößten deutschen Flughafen in München gibt es zwar ein neues Terminal, dafür kommt aber die von der Branche dringend geforderte dritte Landebahn nicht voran. Laut einer Studie der Flugsicherung Eurocontrol werden die europäischen Flughäfen bis 2040 mit dem Passagierwachstum von rund 53 Prozent nicht mithalten können. Ihre Kapazität werde nur um 16 Prozent wachsen. Das wird schwierig genug, wie Frankfurts Flughafenchef Stefan Schulte erklärt. Die Airports bräuchten mehr Unterstützung der Politik, weil selbst bei kleineren Projekten aufwendige Planfeststellungen notwendig seien.

Die Infrastruktur in der Luft ist Gegenstand ständiger Klagen der Airlines. Den nationalen Flugsicherungen im immer noch zersplitterten Luftraum Europas fehlt es an Personal und Investitionsmitteln, was zu permanenten Engpässen und Staus am europäischen Himmel führt. Fortgesetzte Streiks insbesondere der französischen Lotsen tun ein Übriges. Die deutsche Fluglotsengewerkschaft GdF sieht die Wurzel allen Übels in den Vorgaben der EU-Kommission, die auf falschen Prognosen beruhe. Hier brauche es politischen Druck in Brüssel. Zusätzliche Lotsen müssen erst langwierig ausgebildet werden. Bis zum selbstständigen Einsatz benötige man vier bis fünf Jahre.

Zur vorübergehenden Linderung der Probleme hat Carsten Spohr vom Marktführer Lufthansa eine künstliche Kapazitätsverknappung an den wichtigsten Flughäfen und im gesamten deutschen Luftraum vorgeschlagen. Bislang ist das Problem für die einzelne Fluggesellschaft, dass bei einem Verzicht auf Start- und Landerechte diese sogenannten Slots sofort von Konkurrenz-Airlines besetzt würden. Die Flughäfen leben allerdings vom Konsum der Reisenden in den Terminals und wollen daher keine Einschränkungen bei den Passagierzahlen hinnehmen.

Die Sicherheitskontrollen der Passagiere werden derzeit noch unter der Regie der Bundespolizei von privaten Dienstleistern durchgeführt. Sie sind im internationalen Vergleich zu langsam und führen immer wieder zu langen Wartezeiten. Die großen Flughäfen mit Frankfurt an der Spitze glauben, diese Prozesse mit den Privaten effizienter und flexibler gestalten zu können. Finanzielle Anreize könnten besser gesetzt und neue Technik schneller angeschafft werden, argumentiert der Flughafenverband ADV. Das Innenministerium scheint bereit, die Zuständigkeit der Bundespolizei auf die Fachaufsicht zu reduzieren.

Die Flugpläne der Airlines waren im Sommer darauf ausgerichtet, sich einen maximalen Anteil am Erbe der verblichenen Air Berlin zu sichern. Wegen fehlender Crews und Maschinen konnten längst nicht alle angekündigten Flüge stattfinden, was zum Beispiel Eurowings-Chef Thorsten Dirks zu einer öffentlichen Entschuldigung veranlasste und nicht mehr allein die streikenden Lotsen und das ungewöhnlich turbulente Wetter für die Ausfälle verantwortlich zu machen. Unter dem Druck der fälligen Passagierentschädigungen und hoher Raten für Mietflugzeuge ist der Charterflieger Small World in die Pleite geflogen. Das Überangebot zum Mittelmeer und das heiße Wetter im Norden führten zudem zu einem heftigen Preiskampf im Last-Minute-Geschäft der Touristikanbieter und der Airlines.

Die Beschäftigten haben in diesem Sommer in mehreren europäischen Ländern beim Billigflieger Ryanair mehrfach gestreikt. Im Kampf um erstmalige Tarifvereinbarungen und nationale Arbeitsverträge bewegt sich Europas größter Billigflieger allerdings langsam und schafft beispielsweise bei den Piloten die bisherigen Leiharbeitsmodelle ab. Mit ersten Gewerkschaften in Irland und Italien hat die Gesellschaft bereits Übereinkünfte getroffen, so dass in den kommenden Monaten mit weiteren Abschlüssen zu rechnen ist. Im Lufthansa-Konzern stehen derzeit keine größeren Tarifkonflikte an.

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