Allgäuer Start-up greift Energiekonzerne an

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Der frühere Deutschland-Chef von Tesla, Philipp Schröder, am Stammsitz von Sonnen in Wildpoldsried im Allgäu: „In zehn Jahren wo
Der frühere Deutschland-Chef von Tesla, Philipp Schröder, am Stammsitz von Sonnen in Wildpoldsried im Allgäu: „In zehn Jahren wollen wir mehr Kunden haben als Eon“ – ein ehrgeiziges Ziel: Der Düsseldorfer Energiekonzern ist Marktführer in Deut (Foto: MARCUS WITTE)
Schwäbische Zeitung

Ein unscheinbarer Kasten – 70 Zentimeter lang, 65 Zentimeter breit und 22 Zentimeter tief – soll in Zukunft viele Kraftwerke von Energiekonzernen wie RWE, Eon und EnBW ersetzen. Der Mann, der an dieser Vision arbeitet und sie so wortreich wie überzeugt beschreibt, heißt Philipp Schröder, und der Kasten nennt sich Sonnenbatterie.

Zu Hause ist der Revolutionär im Allgäu, genauer gesagt in Wildpoldsried, rund zehn Kilometer nordöstlich von Kempten. Schröder, 33 Jahre alt und zuvor Deutschland-Chef des US-amerikanischen Elektroautobauers Tesla, ist Geschäftsführer der Sonnen GmbH, einem Start-up, das sich im Zuge der Energiewende etabliert hat und das sich anschickt, die traditionsreichen Energieversorger aus dem Markt zu drängen.

„In zehn Jahren wollen wir mehr Kunden haben als Eon“, sagt Schröder im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Der Energieriese aus Düsseldorf ist mit rund sechs Millionen Privatkunden immerhin Marktführer in Deutschland. Funktionieren soll das mit der Sonnenbatterie und Tausenden von Fotovoltaikanlagen, die das Allgäuer Unternehmen zu einem riesigen virtuellen Stromspeicher bündeln will. Die Idee dahinter: Betreiber von Solaranlagen installieren für 4000 Euro eine Sonnenbatterie. Der kleine Kasten speichert Strom, wenn gerade viel Energie zur Verfügung steht, und versorgt die Wohnung, wenn die Sonne nicht scheint.

Stromflatrate für Sonnen-Kunden

Doch das ist nur der erste Teil des Plans: Die Allgäuer wollen die Batterien aller ihrer Kunden über Internet und Mobilfunk miteinander vernetzen – so entsteht die sogenannte „Sonnen-Community“. In der Gemeinschaft aller zusammengeschalteten Batterien soll – so die Idee – fast immer genug Energie vorhanden sein, sodass das Unternehmen nur in bestimmten Zeiten im Jahr Strom hinzukaufen muss. Die Folge ist eine Stromflatrate für die Kunden: Gegen eine Mitgliedsgebühr von monatlich 20 Euro kann der Kunde so viel Strom verbrauchen, wie er braucht – bis er die jährliche Obergrenze von 2500 Kilowattstunden erreicht. Danach wird der Mehrverbrauch mit 23 Cent pro Kilowattstunde abgerechnet.

Ein weiterer externer Energieversorger wird dann überflüssig. Zum Vergleich: Laut Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft lag der durchschnittliche Strompreis für Privathaushalte im vergangenen Jahr bei 29 Cent pro Kilowattstunde. Mit dem Batteriespeicher umwirbt Sonnen inzwischen auch Wohnungsmieter. Eine eigene Solaranlage ist dabei nicht notwendig.

Noch überschaubar

Noch ist die Sonnen-Community eine überschaubare Gemeinschaft. Rund 3000 Haushalte zählt das Netzwerk derzeit. Und ganz ohne die etablierten Energie-Riesen geht es auch noch nicht. Im Winter etwa, wenn die Solaranlagen weniger Energie produzieren, muss die Gemeinschaft auf zusätzliche Biogasanlagen zurückgreifen und auch konventionelle Stromquellen anzapfen. Doch für den Einzelnen geht die Rechnung schon heute auf. „Spätestens nach sechs Jahren rechnet sich die Investition. Wenn man die historischen Strompreissteigerungen von rund vier Prozent jährlich miteinbezieht bereits nach weniger als fünf Jahren“, rechnet Schröder vor.

Das funktioniert, weil die Kunden der Sonnen GmbH Zugriff auf ihren Batteriespeicher gewähren. Mit den bislang rund 15.000 installierten und vernetzten Geräten kontrolliert das Unternehmen eine solch große Speicherkapazität, um am Markt für Regelenergie teilzunehmen. 500 Euro pro Batteriespeicher könne man dadurch von den Netzbetreibern zusätzlich erlösen, sagt Schröder. Damit wird die kostenlose Strom-Flatrate finanziert.

Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei der Regelenergie um eine Reserve, mit der Schwankungen im Stromnetz ausgeglichen werden können. Wenn der Stromverbrauch plötzlich und unerwartet anzieht, wird diese Regelenergie angezapft, um einen Zusammenbruch des Stromnetzes zu verhindern. Das gleiche gilt, wenn es zu einem Überangebot an Strom im Netz kommt. An wind- und sonnenreichen Tagen passiert das inzwischen immer häufiger da konventionelle Kraftwerke nicht flexibel genug auf die durch Windkraft- und Solaranlagen produzierten Stromüberschüsse reagieren und heruntergefahren werden können.

„In Bayern und Baden-Württemberg leisten wir jetzt schon einen Beitrag zur Netzstabilität“, sagt Schröder und sieht die Zeit gekommen, um mit diesem Modell richtig durchzustarten. Neben den Millionen Mietern in Deutschland hat Sonnen vor allem die Betreiber der rund 1,6 Millionen Solaranlagen im Blick. In den nächsten Jahren fallen immer mehr davon aus der zwanzigjährigen Förderphase; die Anlagen haben sich dann amortisiert, produzieren aber trotzdem noch Strom – und zwar kostenlos. Spätestens wenn die monatliche Überweisung der Einspeisevergütung durch den lokalen Energieversorger ausbleibt, werden sich die Solaranlagenbetreiber nach alternativen Vermarktungsmöglichkeiten umsehen und, so die Hoffnung der Allgäuer Revolutionäre, der „Sonnen-Community“ beitreten.

„In zehn Jahren wollen wir der Anbieter mit den günstigsten Stromentstehungskosten sein“, sagt Schröder. Konkurrenz durch die großen Energieversorger fürchtet der Manager nicht – obwohl auch die inzwischen Batteriespeicher für private Haushalte vertreiben. Zu träge und technologisch nicht auf der Höhe der Zeit seien die Energiekonzerne der alten Zeiten – und ein Glaubwürdigkeitsproblem hätten Eon, RWE, Vattenfall und EnBW außerdem. Hinzu komme, die vielen Tausend Dachanlagen der Eigenheimbesitzer seien ein viel zu kleinteiliges Geschäft für die Multis, das sich nicht rechne.

Verschlafene Konzernkonkurrenz

Die erneuerbaren Energien hätten die Konzerne schlicht verschlafen. Er zieht Parallelen mit dem Handy-Markt auf dem der einstige Dominator Nokia von Apple in kurzer Zeit herausgedrängt wurde. Im Energiesektor sei die Situation „noch viel krasser“. „Es ist fahrlässig eine politisch gewollte Entscheidung wie die Energiewende über so viele Jahre einfach zu ignorieren. Wenn ich Gesellschafter oder Aktionär dieser Firmen wäre, würde ich die Frage nach dem Warum und den Konsequenzen stellen“, sagt Schröder.

Langfristig, glaubt der Stromrebell, könne man auf die Kraftwerke der Energieversorger zu großen Teilen ganz verzichten – wenn der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter voranschreite und die Speicherfrage endlich gelöst sei. In diesem Punkt wähnt sich Schröder mit Sonnen auf dem Weg zum führenden Anbieter in Deutschland.

Energie-Revolutionäre aus dem Oberallgäu

Christoph Ostermann und Torsten Stiefenhofer haben die Sonnen GmbH 2010 gegründet – damals noch unter dem Namen Prosol. Das Unternehmen produziert intelligente Stromspeicher für Privathaushalte und Kleinunternehmen am Hauptsitz in Wildpoldsried (Landkreis Oberallgäu) und baut ein über Internet und Mobilfunk gesteuertes Batterienetzwerk zum Teilen von selbst erzeugtem Strom auf („Sonnen-Community“). Dadurch soll vor allem der Absatz der Batteriespeicher angekurbelt werden. Im Jahr 2016 lag dieser nach Angaben von Sonnen bei 7300 Einheiten. Insgesamt hat das Unternehmen inzwischen 15000 Batteriespeicher-Kunden. Der Umsatz von Sonnen kletterte 2016 um 60 Prozent auf 42 Millionen Euro, Gewinne macht das Start-up nicht. Im vergangenen Jahr konnte Sonnen den US-amerikanischen Industriekonzern General Electric als Geldgeber gewinnen. Neben den Gründern sind zudem mehrere Finanzinvestoren an Sonnen beteiligt. Um das weitere Wachstum zu finanzieren prüft das Unternehmen einen Börsengang.

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