Abofallen: So zocken GMX und Web.de ihre Kunden ab

Statt 17,94 Euro sollte Paul R. schließlich 100,70 Euro bezahlen; wäre er auf das „Ratenangebot“ des Inkassobüros eingegangen,
Statt 17,94 Euro sollte Paul R. schließlich 100,70 Euro bezahlen; wäre er auf das „Ratenangebot“ des Inkassobüros eingegangen, (Foto: PR)
Simon Haas
Redakteur

Ob an Weihnachten, zum Geburtstag oder einfach nur so: E-Mail-Anbieter wie GMX und Web.de beglücken ihre Kunden regelmäßig mit „Überraschungsgeschenken“. Erst Monate später entpuppt sich die zunächst kostenlose Mitgliedschaft im „Web.de Club“ oder bei „GMX ProMail“ als teure Abofalle. Den Vertragsabschluss bekommen die Nutzer oft gar nicht mit. Auch ein GMX-Mitglied aus Ehingen soll jetzt zahlen: 100,70 Euro für sechs Monate „GMX ProMail“.

Die Versprechen von GMX und Web.de klingen zunächst verlockend: Mehr Speicherplatz, Werbefreiheit, Filmgutscheine – und das alles kostenlos. Ganz uneigennützig sind die Weihnachts- und Geburtstagsgeschenke der E-Mail-Anbieter des Münchner Internetunternehmens 1&1 Mail & Media allerdings nicht. Denn Monate nach dem Auspacken des vermeintlichen „Geschenks“ geht die kostenlose Testphase der Zusatzdienste „ProMail“, „TopMail“ oder „Web.de Club“ nahtlos in ein kostenpflichtiges Vertragsverhältnis über.

Hinter der „Geburtstagsüberraschung“ verbirgt sich ein Abo – das kann teuer werden.
Hinter der „Geburtstagsüberraschung“ verbirgt sich ein Abo – das kann teuer werden. (Foto: SCREENSHOT)

Das wusste angeblich auch der Ehinger Paul R. (Name von der Redaktion geändert). Er sei seit 15 Jahren Mitglied bei GMX und kenne die Werbehürden gut, die Nutzer beim Einloggen in das E-Mail-Postfach überwinden müssen. Seit Jahren klickt Paul R. deshalb auf das kleine „Weiter zum Postfach“ statt auf den großen „Kaufen“-Button neben der hübschen Grafik mit dem Geschenkkarton.

Paul R. soll das Zehnfache zahlen

Trotzdem bat ihn GMX eines Tages zur Kasse: 17,94 Euro soll er plötzlich bezahlen, für eine Leistung die der 34-Jährige angeblich nie bestellt oder genutzt hatte. An eine Bestellbestätigung nach Vertragsabschluss kann sich Paul R. ebenfalls nicht erinnern. Es folgten Mahnungen; zunächst per E-Mail, erst Wochen später per Post. „Ich hielt das zunächst für Spam“, erzählt Paul R., „schließlich landet jeden Tag irgendwelche Werbung für Viagra oder günstige Wohnungskredite in meinem Postfach.“ Arglos verschob er die E-Mails in den Papierkorb. „Zu diesem Zeitpunkt war ich mir keiner Schuld bewusst. Ich konnte mich jedenfalls nicht erinnern, dass ich irgendetwas bestellt hatte.“ Schließlich landete die Forderung von GMX bei einem Inkassounternehmen. Statt auf 17,94 Euro summierte sich diese jetzt auf 100,70 Euro; wäre Paul R. auf das zunächst freundlich formulierte „Ratenangebot“ der Firma eingegangen („Wir haben eine Lösung für Sie!“), hätte er sogar knapp das Zehnfache bezahlt. Auch die Mails seiner Freunde und Verwandten konnte er jetzt nicht mehr lesen: GMX hatte sein E-Mail-Konto wegen der offenen Forderung gesperrt.

Die haben mich einfach aus meinem Online-Leben rausgekickt. Paul R.

Das Geschäft mit der Angst

Die Mahnungen des Inkassounternehmens waren an seine alte Anschrift adressiert. Seine Mutter, die die Briefe dort öffnete, war bereits kurz davor, die Forderung zu überweisen; schließlich drohte das Inkassobüro mit einem Schufa-Eintrag. Paul R. aber informierte sich im Internet, fand in Facebook-Gruppen Tausende Betroffene, die ebenfalls der Meinung waren, nie einen Vertrag abgeschlossen zu haben. Diese rieten ihm, die Forderung einfach zu ignorieren: Auf ein Gerichtsverfahren würden sich die angeblichen „Betrüger“ von 1&1 nicht einlassen – dann müssten sie nämlich nachweisen, dass der Vertrag auch rechtmäßig zustande gekommen war, hieß es in der Facebook-Gruppe.

Ganz so einfach sei es dann aber doch nicht, sagt der Bonner Medienanwalt Thomas Rader. Im Internet berichtet er über eine Mandantin, deren Fall beinahe vor dem Amtsgericht Stuttgart verhandelt worden wäre – bis 1&1 die Klage zurücknahm. Es tatsächlich soweit kommen zu lassen, rät er allerdings nur denjenigen, die sich absolut sicher sind, keinen Vertrag über „GMX ProMail“ oder „Web.de Club“ abgeschlossen zu haben (siehe Kasten).

Verbraucherzentrale klagt

Auch die Verbraucherzentrale Bundesverband liegt seit Jahren mit 1&1 im Clinch: Nachdem im August 2012 das sogenannte Button-Gesetz in Kraft getreten war, ging der Verein wettbewerbsrechtlich gegen das Unternehmen vor. Daraufhin änderten die Münchner zwar die Aufmachung der Werbung; unter anderem werden Nutzer jetzt nicht mehr aufgefordert, das „Geschenk auszupacken“, sondern zu „kaufen“. Ob GMX und Web.de Vertragsbedingungen jetzt „klar und verständlich in hervorgehobener Weise“ statt mit Kleingedrucktem kommunizieren, ist unter Juristen aber weiterhin umstritten. Im Internet kursieren bereits wieder Screenshots, wo statt „kaufen“ lediglich „AGB bestätigen“ auf dem Button für den Vertragsabschluss zu lesen ist.

Paul R. aus Ehingen hat mittlerweile sein altes Online-Leben wieder: Nach einer Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ nahm GMX die Forderung „aus Kulanz“ zurück; Paul R. kann sich jetzt wieder einloggen und E-Mails empfangen. In der Facebook-Gruppe „Stoppt die GMX Abzocke“ häufen sich derweil weiter Fälle wie die aus Ehingen.

Tipp: So bleibt Ihr E-Mail-Postfach kostenlos

  • Widerrufen Sie innerhalb von zwei Wochen Verträge, am besten noch während der Testphase.
  • Lesen Sie regelmäßig E-Mails von ihrem Anbieter. Nicht jede Mail ist Spam.
  • Wechseln Sie zu anderen Anbietern ohne Abofallen, zum Beispiel zu Gmail von Google, oder zu einem kostenpflichtigen Angebot wie Posteo.
  • Rufen Sie Mails nicht im Browser, sondern mit einem E-Mail-Client wie Thunderbird ab. So bekommen Sie Lockangebote erst gar nicht zu Gesicht.

Nach einem unabsichtlichen Vertragsabschluss haben Sie nach Ablauf der Widerrufsfrist zwei Möglichkeiten:

  • Wenn Sie absolut sicher sind, dass Sie keinen Vertrag abgeschlossen haben, rät Medienanwalt Thomas Rader, dies dem Unternehmen mitzuteilen und die Forderung ausdrücklich zu bestreiten. So vermeiden Sie einen Schufa-Eintrag. Verschicken Sie das Schreiben per E-Mail sowie per Einschreiben. Ignorieren Sie Mahnungen. Reagieren Sie erst wieder, wenn Sie einen gerichtlichen Mahnbescheid erhalten, dem Sie entweder selbst widersprechen oder einen Anwalt damit beauftragen.
  • Sind Sie sich nicht sicher, ob Sie nicht doch einen Vertrag abgeschlossen haben, empfiehlt die Verbraucherzentrale, sich einvernehmlich zu einigen. Mitunter bieten Kundenservice-Mitarbeiter an, den Vertrag auch nach Ablauf der Widerrufsfrist zu stornieren. Im Zweifel wenden Sie sich an die Verbraucherzentrale: http://www.verbraucherzentrale-bawue.de/beratung

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