Ab heute lebt die Menschheit auf Pump

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Brandrodungen nahe einer Palmöl-Plantage in Indonesien: „Die Ökosysteme weltweit sind durch Raubbau und die Folgen des übermäßig
Brandrodungen nahe einer Palmöl-Plantage in Indonesien: „Die Ökosysteme weltweit sind durch Raubbau und die Folgen des übermäßigen Konsums stark unter Druck.“ (Foto: dpa)
Hanna Gersmann

Das Jahreseinkommen ist noch nicht verdient, aber am 1. August schon ausgegeben – so ist das vergleichsweise mit der Erde: An diesem Mittwoch rutscht die Menschheit ins Minus. Jeder Fisch, der ab jetzt gefangen, jeder Baum, der gefällt, alles Treibhausgas, das ausgestoßen wird, kann von den natürlichen Ressourcen im Jahr 2018 nicht mehr gedeckt werden. Der Rest des Jahres ist ein Leben auf Pump.

Jedes Jahr errechnen die Experten des „Global Footprint Network“ den Ressourcenverbrauch des Menschen. Vor einem Jahr war der sogenannte Earth Overshoot Day, der Erdüberlastungstag, am 2. August. Vor zehn Jahren lag er noch im September, Mitte der 1980er-Jahre erst im Dezember. Der Mensch überzieht immer schneller sein Umweltkonto.

Mittlerweile wirtschaftet die Menschheit so, als habe sie 1,7 Erden zur Verfügung. Dabei gibt es freilich Unterschiede. So leben die Industrienationen auf besonders großem Fuß: Haushalteten alle so wie die Deutschen, wären drei Erden nötig, 2,2 wären es, wenn alle wie die Chinesen konsumierten und sogar fünf, machte sich der Lebensstil der US-Amerikaner breit.

Bislang gibt es nur einen nutzbaren Planeten. Und die dauerhafte Kontenbelastung mache sich längst bemerkbar, warnen Wissenschaftler und Umweltlobbyisten. Insekten schwinden, Wälder schrumpfen, Wetterlagen werden extremer. Allein die Kohlendioxid-Emissionen haben sich seit 1970 weltweit mehr als verdoppelt. Darum ziehen an diesem Mittwoch Umweltverbände, auch Entwicklungsorganisationen aus Protest vor das Brandenburger Tor in Berlin. Ihr Slogan: „Unsere Erde: Ausgepresst!“ Sie fordern vor allem bei Mobilität, Energieversorgung und Landwirtschaft umzudenken und mehr Rücksicht auf Umwelt, Klima und so auf die Zukunft zu nehmen.

Unter den Initiatoren der Aktion sind auffällig viele Jugendliche, denen die Hinterlassenschaften der Eltern Sorgen machen. So kritisiert Kira Heinemann von der BUNDjugend den „Raubbau an nachfolgenden Generationen“. Und Frederik Lenez von der Naju, der Jugend im Nabu, fordert: „Politik und Gesellschaft müssen endlich tätig werden“ – den Welterschöpfungstag nach hinten verschieben.

CO2-Ausstoß größtes Problem

Das „Global Footprint Network“ rechnet vor: Halbiert die Welt die Autofahrten, ersetzt ein Drittel der Fahrkilometer durch öffentliche Busse und Bahnen, den Rest durch Radfahren und Laufen, gäbe es zwölf Tage Aufschub. Mindert sie die CO2-Emissionen um die Hälfte, sind es sogar 93 Tage. Halbiert sie die Lebensmittelverschwendung, bringt auch das noch elf Tage. Allein jeder Deutsche wirft etwa 85 Kilogramm Lebensmittel weg, weltweit landen jedes Jahr nach Angaben der UN satte 1,3 Milliarden Tonnen im Müll. Dazu kommt, was auf dem Feld liegen bleibt, weil es zum Beispiel nicht die kosmetischen Standards der Supermärkte erfüllt.

„Unsere Ökosysteme weltweit sind durch Raubbau und die Folgen des übermäßigen Konsums stark unter Druck. Wir brauchen bessere politische Anreize für Industrie und Bevölkerung, um natürliche Rohstoffe zu schonen und Müll zu vermeiden. Dazu gehören Mehrweg, Recycling und geschlossene Wertstoffkreisläufe, besonders für Plastik“, fordert der Vorsitzende des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger. Essenziell seien der Ausstieg aus der Kohle vor 2030 und eine Wende in der Verkehrs- und Agrarpolitik, so Weiger. Die Regierung solle alle öffentlichen Subventionen streichen, die dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung entgegenstehen.

Aber lässt sich der Tag der Erdüberlastung wirklich so genau berechnen? „Das sind wissenschaftlich belastbare Durchschnittswerte“, erklärt Roland Grammling von der Umweltorganisation WWF. Am Ende käme es allerdings „auch gar nicht auf die letzte Zahl hinter dem Komma an.“ Der Earth Overshoot Day sei ein Appell: „Wir müssen uns mehr um eine gesunde, stabile Umwelt kümmern.“ Das bewiesen schließlich auch dieser Dürresommer und die seit Jahren zu trockenen Frühjahre, unter denen Landwirte, Tiere, Fische, auch Pflanzen derzeit leiden.

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