Ökonomen in der Sinnkrise

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Ökonomen in der Sinnkrise
Ökonomen in der Sinnkrise (Foto: shutterstock)
Steffen Range

Die Finanzkrise ist der Wirtschaftswissenschaft gut bekommen. Sie hat Glaubenssätze und Modelle marktliberaler Forscher hinweggefegt und frische Gedanken ernöglicht. Ganz im Sinn des großen Nationalökonomen Joseph Schumpeter, der die Kraft der „schöpferischen Zerstörung“ lobte. Erst die Beseitigung des Alten schaffe Raum für Neues.

Bis zum Krisenjahr 2008 war die Denkschule der meisten Ökonomen starr wie das Weltbild des Mittelalters: Oben der Himmel, unten die Hölle. Als gut galten entfesselte Märkte, weitgehend befreit von Regeln, auf denen Unternehmen unbehelligt ihren Geschäften nachgehen konnten. Staat, das war für viele Ökonomen ein Schimpfwort. Mit überflüssiger Bürokratie und kleinkarierten Vorschriften behindere er die Entfaltung der Wirtschaft.

Diese radikale Denkschule ist seit der Finanzkrise Geschichte. Tatsächlich konnte der Kollaps der Weltwirtschaft nur abgewendet werden, weil der Staat beherzt handelte. Banken wurden verstaatlicht, Unternehmen mit Kurzarbeitergeld und Konjunkturprogrammen gerettet. Regierungen mussten Probleme lösen, die ihm eine außer Kontrolle geratene Finanzwirtschaft eingebrockt hatte.

Vielstimmiger Chor

Zur akuten Lösung der Krise trugen die akademischen Lehrstühle wenig bei. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel ökonomischen Rat am dringendsten brauchte, versagten die Forscher. Noch schlimmer: Die Professoren zerstritten sich darüber, welcher Weg der richtige sei, um den Euro zu retten. Merkel sah sich einem vielstimmigen Chor gegenüber, der praktische Vorschläge schuldig blieb. Der Wissenschaftler Jürgen Kremer stellte bekümmert fest, bei der aktuellen Ökonomie handele es sich eher um eine ideologische Lehre und opportunistische Gefälligkeitsdisziplin als um eine Wissenschaft.

In aller Öffentlichkeit hatten die Ökonomen vorgeführt, dass ihnen der Kompass fehlte. Ihre wirklichkeitsfernen Rechenmodelle hatten versagt, den Kollaps des Bankensystems vorherzusagen. Legendär war der Auftritt der Queen im Jahr 2008 in der angesehenen London School of Economics. Nachdem die Königin einem Vortrag über die Finanzkrise gelauscht hatte, fragte sie: „Wie konnte es passieren, dass niemand diese Krise vorhergesehen hat?“ Beim Treffen der Nobelpreisträger in Lindau 2011 stellte Joseph Stiglitz selbstkritisch fest: „Die makroökonomischen Modelle sind zum Großteil verantwortlich für die Krise.“

Tatsächlich gab es in den Rechenformeln, die bis zur Krise galten, keinen Bankensektor. Denn früher unterstellten die Forscher, dass das Finanzsystem stets reibungslos funktioniere. Ein fataler Trugschluss. „Wer den Finanzmarkt nicht im Modell hat, kann eine Finanzkrise nicht kommen sehen“, kritisiert der Mathematiker Frank Riedel. Er bezeichnet die Modelle gerne „Astronomie mit einem Stern“: Es ist, als wären den Physikern Modelle mit einer Sonne und einem Planeten zu kompliziert geworden wegen der schwierigen Bahngleichungen. Also nimmt man an, dass es nur eine Sonne, aber keine Planeten gibt. Die Sonne ruht in sich selbst, immer im Gleichgewicht und ist gut vorherzusagen.

Die Wirtschaftswissenschaften – genauer: die Volkswirtschaftslehre und die Finanzwissenschaft – sind in der Sinnkrise. Das Nobelpreiskomitee gab sich 2013 keine Mühe, die eigene Ratlosigkeit zu verschleiern. Als Ergebnis eines faulen Kompromisses wurden Wissenschaftler ausgezeichnet, die wie Feuer und Wasser sind. Mit Robert Shiller erhielt ein Forscher den Preis, der die Meinung vertritt, dass es an den Märkten oft unvernünftig zugeht. Zugleich wurde Shillers Gegenspieler Eugene Fama geehrt, der genau das Gegenteil behauptet, nämlich dass Anleger sich rational verhalten und Märkten stets eine Logik innewohnt. So lautete auch lange Zeit die Mehrheitsmeinung, auf der die ökonomische Theorie fußte.

Bis 2008 der Schwarze Schwan auftauchte. Diese Metapher benutzt der Publizist Nassim Nicholas Taleb für ein Ereignis, das extrem unwahrscheinlich ist und völlig überraschend eintritt und sich im Nachhinein einfach erklären lässt. Allerdings nur mit dem richtigen Ansatz. Über den verfügten die Ökonomen nicht, wie die Finanzkrise belegte.

Wirtschaftswissenschaftler benutzen Daten der Vergangenheit, um die Zukunft vorherzusagen. Solche Modelle kommen naturgemäß nicht gut mit Überrasschungen zurecht, also Finanzkrisen oder grundlegend neue Erfindungen, die die Wirtschaft revolutionieren. Keiner etwa prognostizierte den Erfolg der Tablet-Computer, also von Apples iPad. Riedel sagt: „Die wesentlichen Innovationen einer Wirtschaft sind unabhängig von der Vergangenheit und damit durch statistische Methoden nicht vorhersagbar.“

Unbeliebter Homo oeconomicus

Viele Studenten begehren jetzt auf gegen die wirklichkeitsferne Ausbildung. Ihr Groll gilt dem Homo oeconomicus, der zentralen Gestalt der Ökonomie. Der weiß alles, kalkuliert immer rational und handelt egoistisch, um Vorteile für sich selbst herauszuschlagen. Eine Kunstfigur, die in den idealisierten Modellen vergangener Tage zu Hause ist. Typen wie eben dieser Homo oeconimicus sind es, die Studenten die Freude an der Lehre verderben. Studentengruppen aus 19 Ländern veröffentlichen kürzlich ein Manifest für eine Reform der Ökonomenausbildung.

Doch was müsste geschehen? Einige Experten glauben, dass sich die Wirtschaftswissenschaft aus der Umklammerung der Mathematik lösen und für andere Einflüsse öffnen muss: aus der Geschichtswissenschaft, dem Staatsrecht, der Philosophie. Der deutsche Nobelpreisträger Reinhard Selten forderte in einem Interview den Schulterschluss mit der Psychologie: „Ich glaube, dass es die Aufgabe der Ökonomen ist zu verstehen, was in der Wirtschaftswelt vorgeht. Und wenn dazu die Psychologie erforderlich ist, dann müssen wir uns darum kümmern.“ Der Wirtschaftsweise Volker Wieland sagt: „Die Wirtschaftswissenschaft ist eine Sozialwissenschaft. Die Mathematik ist aber hilfreich. Wenn ich meine Theorie in ein mathematisches Modell gieße, kann ich es vergleichen mit anderen. Das wird aber nie so gut auf die Realität passen, wie mathematische Modelle der Physik.“

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