Zollitsch: „Europa braucht Serbien für die Stabilität auf dem Balkan“

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Erzbischof im Ruhestand und ehemaliger Chef der katholischen Bischöfe in Deutschland: Robert Zollitsch wird 80 Jahre alt.
Erzbischof im Ruhestand und ehemaliger Chef der katholischen Bischöfe in Deutschland: Robert Zollitsch wird 80 Jahre alt. (Foto: dpa)

Die Europäische Union ist die einzige Möglichkeit für Stabilität auf dem Balkan. Das sagt Robert Zollitsch im Interview mit Philipp Richter. Zollitsch, der an diesem Donnerstag 80 Jahre alt wird, ist ehemaliger Erzbischof von Freiburg und ehemaliger Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Er wurde als Sohn einer donauschwäbischen Familien im heute nordserbischen Backi Gracac (Filipowa) geboren und musste während des Zweiten Weltkriegs wie viele andere Donauschwaben auch seine Heimat verlassen. Im Interview plädiert er für den EU-Beitritt Serbiens und spricht über die Rolle der Kirche auf dem Balkan.

Herr Zollitsch, Sie waren in diesem Frühjahr in Serbien. Wie haben Sie das Land erlebt?

Ich war angetan, dass eigentlich all die Menschen, die wir getroffen haben, ihren Blick auf Europa richten. So wie es auch Präsident Aleksandar Vucic tut, schauen die Serben vor allem nach Deutschland. Als ich voriges Jahr bei der Bezirksregierung von Novi Sad war, wurde deutlich, dass der Weg Serbiens nach Europa über Deutschland führt. Weder Kroatien noch Ungarn wird sich für Serbien stark machen. In der Politik richtet sich überall der Blick nach Europa. Manchmal wird noch angemerkt, dass man bei den Kroaten großzügiger bei den Aufnahmekriterien war, als man das bei Serbien ist. Eigentlich habe ich in Serbien damit gerechnet, dass der ein oder andere fragt: Will man uns überhaupt in der EU? Aber diese Frage kam Gott sei Dank nicht. Auch eine Angst, dass man durch den EU-Beitritt die eigene Identität verliert, wie es heute etwa in Polen und Ungarn der Fall ist, habe ich nicht gespürt oder gehört.

Wie sehen Sie die Entwicklung Serbiens?

Nach Slobodan Milosevic ist viel geschehen. Er wollte mit Waffengewalt ein Großserbien schaffen. Jetzt spüre ich beim Staatspräsident Vucic und bei den Politikern, mit denen ich Kontakt habe, dass sie alle auf Europa setzen. Einerseits aus ganz nüchternen Gründen, weil sie schauen, wo ihre Zukunft ist und wer Arbeitsplätze schafft und andererseits, dass Serbien arm bleibt, wenn es alleine bleibt. Da ist viel geschehen über die Jahre. Meine Hoffnung ist deswegen, dass die EU-Beitrittsverhandlungen nicht zu lange gehen, weil eventuell eine Enttäuschung und eine EU-Müdigkeit kommen könnte.

Es gibt viele Stimmen, die gegen eine Ausweitung der EU sind und Skeptiker, die sich fragen: Brauchen wir Serbien überhaupt?

Ich sehe nicht, dass wir Serbien für uns brauchen, aber wir brauchen Serbien für die Stabilität auf dem Balkan. Wir müssen daran interessiert sein, dass die Völker des Balkans in einem friedlichen Europa vereint sind. Dass mit einem EU-Land Serbien auch der Friede Europas gesichert wird, damit nicht irgendwo wieder ein Eiter- und Brandherd ist. Der Erste Weltkrieg kam, weil auf dem Balkan der Mord von Sarajevo geschah, weil der Nationalismus übermütig wurde, dort ist das Pulverfass explodiert. Es ist ein Stück Friedensdienst an Europa und der Welt, wenn wir schauen, dass der Balkan in ein friedliches Europa integriert wird. Zum Beispiel investieren die Türkei und Saudi-Arabien hier. Hier spielen auch Kräfte mit, die nicht dem Miteinander in Europa dienen wollen.

Es gibt auch heute noch immer wieder politische Konflikte auf dem Balkan. Welche Rolle kann dabei die Europäische Union spielen?

Ich glaube, Europa ist die Lösung dafür – wenn es überhaupt eine gibt. Weil in der Vielfalt Europas auch die kleinen Staaten mit der Vielfalt leben müssen. Es ist gut, wenn Serbien als Tür zum westlichen Balkan EU-Mitglied wird, weil dann die anderen Staaten nachkommen können. Serbien ist der Schlüssel der Region, weil es das größte und entwickelteste Land ist, wenn man es etwa mit Bosnien-Herzegowina und Kosovo vergleicht. Und wir wissen, dass Serbien entwickelter ist als es heute etwa das EU-Mitglied Bulgarien ist.

Welche Rolle kann die Kirche auf dem Balkan spielen? Noch immer identifizieren sich dort insbesondere die Nationalisten über die Religionen.

Die Katholische Kirche schaut stark nach Europa, weil die Katholische Kirche ein Golbal Player und damit immer fürs größere Ganze ist. Ich habe aber auch bei meinen Gesprächen mit der orthodoxen Kirche entdeckt, dass man hier einiges gewinnen kann. Als ich 2005 das erste Mal beim Patriarchen in Belgrad war und gesagt habe, dass Serbiens Zukunft in der EU liegt, hat man das unkommentiert stehen gelassen. Heute sieht man auch in der Orthodoxen Kirche ein Blick nach Europa. Natürlich gibt es eine emotionale Bindung mit Russland. Ich bin aber überzeugt, dass die Kirche hier einiges tun kann – nicht die Katholische Kirche von Kroatien, dort gibt es immer noch Spannungen –, diese Spannungen gibt es aber nicht mit den Katholiken in Deutschland. Wir haben ein gutes Verhältnis zur orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland. Die Auslandskirchen sind eindeutig für Europa und so sind die Kirchen ein Brückenbauer für Europa.

Im Kosovo gibt es viele orthodoxe Kirchen und Klöster. Wie sehen Sie die Position der orthodoxen Kirche zum Kosovo?

Das Kosovo war urserbisches Gebiet. Deswegen ist die Frage der Anerkennung der Unabhängigkeit des Kosovos mit der serbischen Kirche schwierig zu verhandeln. Sie sagt: Wir können das Kosovo doch nicht aufgeben. Ich habe bei der serbischen Kirche gespürt, dass sie sehr wohl weiß, dass das Kosovo weg ist, aber noch kann sie es emotional nicht zugeben. Da muss der Prozess, den Staatspräsident Vucic angestoßen hat, voranschreiten. Ich glaube, da braucht es Zeit. Wir können dann auch sagen, dass Deutschland die schlesischen Gebiete nicht mehr zurückfordern kann, und Ungarn die Batschka nicht. Bis das aber ins Gefühl übergeht, dauert es.

Mit Bosnien-Herzegowina gibt es noch immer einen Kunststaat auf dem Balkan, in dem Serben, Kroaten und Bosniaken zusammenleben. Wie blicken Sie auf dieses Land?

Das große Problem ist, wie man diese drei Nationalitäten in einem Staat halten kann. Diesen Staat kann man nämlich nicht aufteilen, weil es von der Bevölkerung her keine sinnvolle Aufteilung gibt. Ich meine, wir müssen einen Weg finden, wie wir ein Miteinander in diesen Staat bekommen, wie es früher in der Vojvodina war. Dort stellten die Deutschen einen großen Teil der Bevölkerung, dazu kamen die Serben und die Ungarn. Bis zum Zweiten Weltkrieg haben diese Nationalitäten fast 200 Jahre friedlich zusammengelebt, weil jeder den anderen respektiert hat und wir ganz selbstverständlich miteinander Handel getrieben haben. Ich hoffe, dass diese Einsicht auch in Bosnien-Herzegowina kommt.

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