Wirecard-Skandal reicht bis in Kanzleramt

Lesedauer: 3 Min
Ein Ausschuss ist nicht genug
Ein Ausschuss ist nicht genug
FinnMayer-Kuckuk

Wie konnten Deutschlands Institutionen den monumentalen Betrug durch Wirecard so lange übersehen? Mit dieser Frage beschäftigt sich erneut das Parlament in Form seines Finanzausschusses. Es geht hier nicht um die üblichen Angriffe der Opposition im beginnenden Wahlkampf. Es geht darum, ob die Systeme der Wirtschaftsüberwachung den Anforderungen unserer Zeit gewachsen sind. Bisher ist deren Bilanz peinlich.

Einer der besonders irritierenden Aspekte der ganzen Affäre sind die politischen Verquickungen. Karl-Theodor zu Guttenberg, einst Verteidigungsminister, jetzt Lobbyist, hatte offenbar bei Kanzlerin Angela Merkel um Unterstützung für Wirecard geworben. Hat das Kanzleramt sich breitschlagen lassen, ein Auge zuzudrücken und die Probleme bei Wirecard zu übersehen? Das wäre eine fatale Fehleinschätzung, über die die Öffentlichkeit zu Recht Aufklärung verlangt. Noch abenteuerlicher ist der politische Schutz, den der Ex-Wirecard-Vorstand Jan Marsalek offenbar in Russland genießt.

Jenseits der Spekulationen: Um Licht ins Dunkel zu bringen, reicht ein parlamentarischer Ausschuss nicht aus. Kein einzelner Akteur durchschaut das Firmengeflecht und all die Verbindungen der Manager. Hier sind solide Recherchen gefragt, die Polizei und Geheimdienste übernehmen müssen. Hoffentlich sind wenigstens dort die Spezialeinheiten der Komplexität des internationalen Konstrukts gewachsen.

Wir müssen den Institutionen der Wirtschaftsaufsicht vertrauen können. Welcher Laie versteht schon, wie Digital- oder Finanzkonzerne ihr Geld verdienen? An der Schnittstelle zwischen der Welt des Geldes und jener der Computerprogramme wird es kompliziert – und gerade dort entwickeln sich derzeit die heißesten Geschäftsmodelle. Eine große Volkswirtschaft braucht hochintelligente, gut bezahlte Spezialisten, die unabhängig auf der Seite der Allgemeinheit stehen, um die Biester zu bändigen, die die finanzdigitale Wirtschaftswelt hervorbringt. Der Fall Wirecard sollte hier eine Lehre sein – über den Finanzausschuss hinaus.

Die Kommentarfunktion ist für Sie aktuell gesperrt. Bitte wenden Sie sich an unseren Kundenservice für weitere Infos.
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen

Mehr Themen