Wie der Parteitagskrimi der CDU gelaufen ist

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 Am Ziel: Bundeskanzlerin Angela Merkel (unten, rechts) gratuliert der neuen CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer,
Am Ziel: Bundeskanzlerin Angela Merkel (unten, rechts) gratuliert der neuen CDU-Parteivorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer, die sie als Nachfolgerin aufgebaut hat. (Foto: dpa)

Da steht sie nun, mit Freudentränen in den Augen, strahlend, gerührt und mit einem großen Blumenstrauß. „Es Annegret“, wie sie im Saarland liebevoll genannt wird, ist neue Vorsitzende der CDU Deutschlands. „Ich stehe so da, wie ich bin“, sagt sie in ihrer Rede. Genau das ist ihr Erfolgsrezept.

Schon bei ihrem Einzug in die große Messehalle in Hamburg jubeln zahlreiche Besucher und Delegierte, vor allem Frauenstimmen sind gut zu hören. Es ist der Tag der Entscheidung. Wer führt die CDU in die Zukunft? Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn oder Friedrich Merz? Angesichts dieses spannenden Dreikampfes haben mögliche weitere Bewerber zurückgezogen.

Erst redet Friedrich Merz. Er hält die Rede eines Kanzlers, er beschreibt die großen Linien der Politik national und international. Er verspricht klare Positionen und fordert, dass der Staat die Kontrolle über Menschen, „auch die, die zu uns kommen“, behalten müsse. Doch Merz wirkt nervös, etwas kurzatmig, er überzeugt weniger als auf den Regionalkonferenzen. „Er hat den Saal nicht gerockt“, meinen einige Delegierte.

Annegret Kramp-Karrenbauer aber zeigt das, wofür sie bekannt ist: Bodenständigkeit, Verbundenheit mit den Leuten. Drei Kinder hat sie, ihr Mann, ein Bergbauingenieur, hat sie versorgt, damit sie ihre Karriere machen konnte. In ihrer Rede erinnert Kramp-Karrenbauer an das Jahr 1981, als sie in die Partei eintrat und die Stahlarbeiter in ihrer Heimat im Saarland auf der Straße standen und demonstrierten, weil sie um ihre Zukunft fürchteten.

Geradeheraus, unprätetniös

„Meine CDU“, sagt sie, das sei die Partei, die nicht den Schwarzmalern hinterherlaufe. Ihre CDU, das müsse „die Partei von heute sein und die Partei von morgen bleiben“.

Kramp-Karrenbauer wirkt sehr viel weniger nervös als ihre Konkurrenten, fast lässig steht sie in ihrem schwarz-weiß karierten Jacket am Rednerpult. Geradeheraus, unprätentiös – das sind die Attribute, die Annegret Kramp-Karrenbauer zugeschrieben werden. „Führungsstark“ gehört nicht dazu. Vielleicht deshalb setzt AKK, wie sie parteiintern genannt wird, hier in Hamburg nochmals einen besonderen Akzent. Der Parteitag sehe eine Politikerin vor sich, „die gelernt hat zu führen und weiß, dass es mehr auf innere Stärke als auf äußere Lautstärke ankommt“. Für diesen Satz erntet sie sehr viel Beifall im Saal. Sie zählt ihre Stationen auf, als Innen-, Bildungs- und Sozialministerin, bevor sie Ministerpräsidentin des Saarlands wurde und diesen Posten aufgab, um als Generalsekretärin der CDU nach Berlin zu wechseln. Mit diesem Schritt, es war ihre Idee, überraschte sie selbst Angela Merkel.

Annegret Kramp-Karrenbauer kennt ihre Partei sehr gut. Doch viele haben in Hamburg ihre Partei nicht mehr wiedererkannt. Franz Romer, der ehemalige Bundestagsabgeordnete schwärmt, dass er noch nie einen solchen Parteitag erlebt hat. 1000 von 1001 Delegierten sind da. Schon allein diese Vollzähligkeit ist nicht gerade üblich bei CDU-Parteitagen. „Wir spüren alle, das hier ist ein ganz besonderer Parteitag“, hat Angela Merkel schon bei der Begrüßung gesagt.

Nach 18 Jahren legt sie den Parteivorsitz nieder. Es waren mehrere Wochen vorausgegangen, in denen sich die drei Kandidaten auf acht Regionalkonferenzen deutschlandweit präsentiert haben. Jetzt, in Hamburg, verschwinden die Delegierten hinter ihren Tischwahlkabinen, um den neuen Parteichef zu wählen. Die Tischkabinen, die an das Kinderpostamt der 1960er-Jahre erinnern, eine Pappe mit zwei Flügeln, sollen sicherstellen, dass die Wahl geheim bliebt.

Doch viele Delegierte hatten sich schon erklärt. Dass Jens Spahn der Drittplatzierte wird, galt als sicher. Alles andere nicht. „Wir haben drei sehr gute Kandidaten,“ das sagten selbst die, die wie der rheinland-pfälzische Mitgliederbeauftragte Jörg Röder bei der abschließenden Fragerunde keine Mördergrube aus ihrem Herzen machten. „Möge die Bessere gewinnen.“

Bis zum Schluss war es wie ein Krimi, sagt Thomas Bareiß, der zu den Unterstützern von Friedrich Merz gehört. Und wie in jedem Krimi spielten auch alte Seilschaften, alte Feindschaften, neue Kontrahenten eine Rolle.

Annegret Kramp-Karrenbauer war von Angela Merkel als mögliche Nachfolgerin aufgebaut worden, als plötzlich nicht nur der junge Jens Spahn seinen Anspruch auf die Macht anmeldete, sondern auch der ehemalige Fraktionschef Friedrich Merz. Der war 2002 von Angela Merkel aus dem Amt gedrängt worden, was er nie richtig verschmerzte.

Die Version, dass der Kampf um die Nachfolge ein Racheakt an Merkel sei, hat er immer weit von sich gewiesen. Für ihn stehe die Zukunft der CDU im Mittelpunkt. Und plötzlich, kurz vor Toresschluss, kommt ein mächtiger Unterstützer von Merz aus der Deckung: Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Auch er hat alte Rechnungen mit Angela Merkel offen, betont aber, es gehe ihm um die Zukunft der Demokratie. Schäubles Intervention wiederum erzürnte die Kramp-Karrenbauer-Anhänger derart, dass der Saarländer und Wirtschaftsminister Peter Altmaier über den „Dammbruch“ wetterte und seinerseits Partei ergriff für Kramp-Karrenbauer. Er wolle einen lebendigen Wettstreit – den hat die Partei jetzt erlebt.

CDU-Frühling an der Alster

In Hamburg nieselt es, doch die CDU hat Frühlingsgefühle. Junge-Union-Chef Paul Ziemiak schwärmt: „Die Partei erlebt einen richtigen Frühling.” Doch die Gefahr einer Spaltung wird auch von vielen Delegierten angesprochen, die sich teilweise bis in die Nacht vor dem Parteitag hinein stritten, die noch Unentschiedene überzeugen wollten. Und nicht immer hatten Merz- und Karrenbauer-Fans Verständnis für das jeweils andere Lager. Die Konservativen und der Wirtschaftsflügel, die Friedrich Merz unterstützen, weil sie ihre Positionen für vernachlässigt halten, und die anderen, die auf Kramp-Karrenbauer setzen, darunter viele Frauen. „Egal, wer gewinnt, keiner von uns drei Kandidaten wird der Untergang der Partei sein“, sagt Kramp-Karrenbauer in ihrer Rede. Sie streichelt die Seele der Partei, als sie fordert, dass die Denkfabrik der Republik die Volkspartei CDU sein müsse. Und dass sie sich um die wirklichen Probleme der Menschen kümmern will: keine Arzttermine, unpünktliche Bahnen. Sie hat die Zuhörtour erfunden, und bei ihrem Antritt als Generalsekretärin hat sie versprochen, der Partei zu dienen.

Und doch hoffen alle, dass die Harmonie wieder schnell zurückkehren wird. Gabi Messarosch aus Ravensburg etwa hat Friedrich Merz gewählt. Doch sie sagt schon am frühen Morgen, wenn dieser es nicht werde, „gönne ich mir eine kleine Enttäuschungsrunde“ und dann seien wieder alle zusammen.

Dass es jetzt weitergeht, mit so viel Schwung und auch so viel Geschlossenheit, wünschen sich viele Delegierte. Auf der Parteitagsbühne wurden dazu die Grundlagen gelegt. Friedrich Merz, der nur sehr knapp unterlegene Kandidat, wird mindestens so lange bejubelt wie Annegret Kramp-Karrenbauer. Jens Spahn hat die Sympathie des Parteitags auf seiner Seite. Merz gratuliert Annegret Kramp-Karrenbauer herzlich, und auch Jens Spahn umarmt die neue Vorsitzende.

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