Wie das Flüchtlingscamp zur neuen Heimat wird

Lesedauer: 9 Min
Jan Jessen

Sie haben in Mam Rashan angefangen, Bäume zu pflanzen. Das macht niemand, der weiß, dass er bald wieder geht, und deswegen sind die prächtigen Gewächse, die der grauen Containerlandschaft etwas Farbe verleihen, auch ein Symbol der Hoffnungslosigkeit. In Mam Rashan, einem Flüchtlingscamp im Norden des Irak, glaubt kaum einer mehr an eine rasche Rückkehr in die Heimat.

Kaum Hoffnung auf Heimkehr

Die Heimat? Haider Khedar Beschar winkt resigniert ab: „Da gibt es keine Sicherheit und kein Gesetz“, schnaubt der 61-Jährige. „Wir haben keine Hoffnung, dass wir zurückkehren können.“ Er lebt jetzt bereits seit zwei Jahren in Mam Rashan. Seit einiger Zeit betreibt er einen kleinen Laden, in dem er Fleisch, Eier, Süßigkeiten, Getränke und andere Lebensmittel des täglichen Bedarfs verkauft, so wie er das schon in Seba Sheikh Kheder gemacht hat, dem Dorf, aus dem er und seine Familie stammen. Elf Kinder hat er insgesamt, zwei haben bereits eine eigene Familie, die anderen neun kann er gut versorgen, seit er seinen kleinen Laden aufgemacht hat.

Das Ladenlokal von Haider Khedar Beschar hat die Caritas Flüchtlingshilfe Essen gebaut, so wie Dutzende andere auch im Camp. Mit der Hilfe auch der Spenden von Lesern der „Schwäbischen Zeitung“ konnten die Essener jetzt in Mam Rashan und in einem benachbarten Camp insgesamt zwanzig neue Ladenlokale errichten. „Das ist gut. Davon können die Menschen wirtschaftlich profitieren“, sagt Haider Khedar Beschar.

+++Hier gibt es mehr Informationen zur Spendenaktion der Schwäbischen Zeitung+++

Auch Rakan Khalil Qassem und seine Frau Khatun Khudeda aus Tal Banat sehen derzeit wenig Möglichkeiten, in die Heimat zurückzukehren. „Wir haben keine Existenz mehr, unser Haus ist zerstört worden“, klagt Qassem. Umso mehr freut sich der 35-Jährige, dass er nun, nach mehr als drei Jahren, endlich wieder Arbeit hat. Seine Frau und er werden gemeinsam mit einer anderen Familie eines von sechs Gewächshäusern bewirtschaften, die am Rande von Mam Rashan mithilfe von Spendengeldern aus der Weihnachtsaktion der „Schwäbischen Zeitung“ errichtet werden konnten. „Wir wollen Tomaten und Gurken und Kartoffeln anbauen“, sagt Khatun Kudeda und lächelt.

Ermordet, entführt, versklavt

Gut 8500 Menschen leben in Mam Rashan, sie sind alle Jesiden, Angehörige einer religiösen Minderheit, die von den Dschihadisten des sogenannten Islamischen Staates (IS) besonders brutal verfolgt wurde. Als die Terrormiliz im Sommer 2014 wie ein Sturm über die Shingal-Region hinwegfegte, ermordeten, entführten und versklavten die Extremisten Zehntausende, Hunderttausende flohen. Bis heute ist das Schicksal von 3000 jesidischen Frauen und Kindern ungeklärt.

Eine Kleinstadt ist entstanden

In Mam Rashan ist in den vergangenen Jahren eine Kleinstadt gewachsen. Wohncontainer, Ladenlokale, ein Fußballplatz, ein Begegnungszentrum, ein Krankenhaus, eine Schule. Aiman Khalaf Nemat, ein schüchterner 18-Jähriger, der mit seiner Familie schon seit fast zwei Jahren hier lebt, geht auf eine weiterführende Schule außerhalb des Camps, und mit ihm 170 weitere Kinder. Früh morgens wird er mit einem Kleinbus abgeholt und nach Mahabata gebracht, eine Viertelstunde entfernt. „Ich würde sehr gerne Medizin studieren“, sagt er. „Ich hoffe, dass ich ins Ausland gehen kann, in irgendein anderes Land.“

„Ich bin jetzt 44 Jahre alt, und habe fast noch nie einen wirklich guten Tag im Irak gehabt.“

Ob er denn nicht beim Wiederaufbau helfen will? Er zuckt mit den Schultern, sieht seinen Vater fragend an. „Ich bin jetzt 44 Jahre alt, und habe fast noch nie einen wirklich guten Tag im Irak gehabt“, sagt der hagere Mann und lächelt entschuldigend. „Ich hoffe, dass meine Kinder einen Ort finden, an dem sie sicher sind.“ Dass es die Shingal-Region sein könnte, das bezweifelt der Vater. „Wir haben kein Vertrauen mehr.“

Ehemaliger Pilgerort als Hauptquartier

Sherfedin am Fuß des Shingal-Gebirges, der zweitwichtigste Wallfahrtsort der Jesiden, gut 150 Kilometer entfernt von Mam Rashan: Neben dem Mausoleum des Heiligen Scharaf ad-Din mit seiner großen kegelförmigen Kuppel steht das zweigeschossige Gebäude, in dem früher, als die Zeiten besser waren, die Pilger unterkamen. Heute dient es Qassem Shesho, dem „Löwen von Shingal“, als Hauptquartier.

Der General ist Deutscher, hat viele Jahre in Bad Oeynhausen gelebt. 5000 Mann stehen unter seinem Kommando. 2014, als der IS vorrückte, hat er mit seinen Leuten Sherfedin in einer drei Monate dauernden Schlacht verteidigt. In der Loggia im Erdgeschoss sitzen etliche Männer auf Plastikstühlen, alle mit gewaltigen Schnurrbärten, die meisten in Uniform, manche haben sich einen rot-weißen Schal um den Kopf geschlungen.

Ehrenamtliche fordern Hilfe ein

Sie trinken Tee, reden, lachen. Yassir Shesho kommt in einem grauen Jogginganzug angeschlappt, er hat in der Nacht heftig getrunken. „Manchmal muss man das, sonst hältste das hier nicht aus“, sagt er und lächelt müde. Er ist der Sohn von Qassem Shesho und seit acht Monaten ununterbrochen in Sherfedin. Der Vater, lackschwarzes Haar, Schnauzer, Brille, olivgrüne Uniform, empfängt heute eine Gruppe junger Menschen aus einem Dorf in der Region. Sie reden heftig auf ihn ein. „Das sind Leute, die ehrenamtlich Kinder betreuen, sie wollen Hilfe von meinem Vater. Aber er kann ihnen nicht helfen“, erzählt Yassir.

Etwa 50 000 Menschen leben in Sherfedin und den umliegenden Dörfern. Früher lebten in der Region achtmal so viele Menschen. Shingal, die größte Stadt, ist noch immer ein Trümmerhaufen, so wie viele kleinere Siedlungen, auf dem Berg gibt es noch immer die wilden Flüchtlingscamps. „Wiederaufbau? Nein, bislang ist hier so gut wie nichts passiert“, sagt Qassem Shesho mit seiner rauen Stimme und stößt den Rauch seiner Zigarette durch die Nase. Dabei fehlt es an allem. Schulen, Lehrern, Krankenhäusern, Ärzten, Medikamenten. „Es kommen kaum Organisationen hierhin, niemand weiß, wer hier das Sagen hat.“

Angst vor Erdogan

Die politische Situation hier im äußersten Nordwesten des Irak ist kompliziert, seit einigen Monaten kontrollieren schiitische Milizen die Region, auch die türkisch-kurdische PKK unterhält Stützpunkte. Die Türkei, die zurzeit den kurdischen Kanton Afrin in Syrien angreift, hat bereits angekündigt, auch gegen die PKK im Irak vorgehen zu wollen. „Man befürchtet, dass Erdogan in nächster Zeit etwas macht“, sagt Qassem Shesho. Das heißt, der Krieg käme nach Shingal zurück.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen