Welthungerhilfe beklagt Angriffe auf Krankenhäuser in Syrien

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Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien und die Türkei, beklagt Angriffe auf Krankenhäuser in Idlib. (Foto: oh)
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Täglich fliegen russische und syrische Kampfjets Angriffe auf die Stadt Idlib im Nordwesten Syriens. Sie bombardieren auch Schulen und Krankenhäuser – obwohl die Vereinten Nationen den Streitkräften die Koordinaten ihrer Standorte übermittelt haben. Das sagte Dirk Hegmanns, Regionaldirektor der Welthungerhilfe für Syrien und die Türkei, im Gespräch mit Daniel Hadrys.

Herr Hegmanns, um den Bürgerkrieg in Syrien ist es still geworden. Wie erleben Sie die Situation vor Ort?

Wir werden täglich mit Nachrichten über die Lage in Idlib gefüttert, weil wir uns auf sie einstellen müssen. Wir bekommen diese Informationen hauptsächlich von den Vereinten Nationen. Wir haben aber auch andere Informationsquellen, beispielsweise Partnerorganisationen vor Ort, so dass wir dementsprechend reagieren können. Leider ist es in den Medien sehr still geworden, obwohl es in Idlib sehr intensive Kämpfe gibt. Viele Menschen sind auf der Flucht.

Wie ist die Situation dieser Menschen?

Die Situation ist äußerst prekär. Es sind zwischen 180 000 und 200 000 Menschen auf der Flucht. Die meisten sind aus dem Süden Idlibs in Richtung Norden geflohen. Einige sind bis nahe an die türkische Grenze gekommen. Die Grenzen dort sind aber geschlossen. Die Menschen müssen daher auf der syrischen Seite versorgt werden. In den Flüchtlingslagern fehlt es aber an allem. Wir versuchen daher, auch mit unseren Partnern und den Vereinten Nationen, diese Notlage zu mindern und den Menschen zu helfen.

Wie sieht Ihre Hilfe konkret aus?

Wir verteilen vor allem „Food Kits“, also Kartons mit Lebensmitteln, und Brot, weil das eines der Hauptnahrungsmittel in der Region ist. Auch verteilen wir Hygieneartikel, vor allem an Kinder. Im Moment erreichen wir durch diese Maßnahmen etwa 15 000 Menschen.

Was erschwert Ihre Arbeit?

Die Situation ist nicht vorhersehbar. Wir wissen nicht, wie es nächste Woche oder nächsten Monat aussehen wird. Wir müssen immer bereit sein, um auch eingreifen zu können. Die Kämpfe erschweren die Notlage natürlich auch. Wir achten darauf, dass wir und unsere Partner einigermaßen sicher sind und uns nicht in Gefahr begeben.

Idlib gilt als Hochburg der Rebellen. In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Berichte von syrischen und russischen Luftangriffen auf Krankenhäuser, Märkte und Schulen. Wie ist die Lage der Zivilisten in dem Ort?

Die Rebellen konzentrieren sich hier in Idlib. Als die syrische Armee andere Gebiete erobert hat, hat sie den Kämpfern und ihren Familien erlaubt, nach Idlib auszuwandern. Rebellen, die früher im Süden beispielsweise bei Damaskus und Ghuta gekämpft haben, sind jetzt in Idlib. Wir sprechen inzwischen von 50 000 Kämpfern, die in Idlib leben – aber auch von insgesamt drei Millionen Zivilisten, die mit den Kämpfen nichts zu tun haben.

Warum lassen Präsident Baschar al-Assad und sein Verbündeter, der russische Präsident Wladimir Putin, dann immer wieder Krankenhäuser, Schulen und Märkte bombardieren?

Das ist eine sehr unmenschliche Strategie, Schulen und Krankenhäuser zu bombardieren. Kliniken werden deswegen angegriffen, um in den Rebellengebieten zu verhindern, dass verletzte Kämpfer versorgt werden. Es wird keine Rücksicht darauf genommen, dass in diesen Krankenhäusern vornehmlich Zivilisten behandelt werden. Über die Vereinten Nationen werden die Koordinaten der Krankenhäuser und Schulen an die Kriegsparteien durchgegeben, damit sie eigentlich nicht bombardiert werden. Trotzdem werden sie angegriffen. Wenn diese Daten bekannt sind, und es werden trotzdem Krankenhäuser und Schulen zerstört, dann sind das Kriegsverbrechen. Das kann man nicht damit entschuldigen, man habe es nicht gewusst.

Was kann die internationale Staatengemeinschaft tun, um den Krieg zu beenden oder seine humanitären Folgen abzumildern?

Bisher hat man immer nur Worte gehört. Ich denke, die Staatengemeinschaft muss auf einen politischen Wandel in Syrien pochen. Sonst sind die Chancen gering, dass selbst bei einem Waffenstillstand die Flüchtlinge wieder zurückkehren wollen. Es herrscht viel Misstrauen gegenüber Diktator Assad. Die Menschen haben Angst, in ihr eigenes Land zurückzukehren. Im Prinzip kann es jedem passieren, dass er festgenommen und gefoltert wird oder einfach verschwindet – also getötet wird.

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