Was die Causa Özil beweist

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Mesut Özil im Oktober 2010 – während eines Freundschaftsspiels zwischen Deutschland und der Türkei.
Mesut Özil im Oktober 2010 – während eines Freundschaftsspiels zwischen Deutschland und der Türkei. (Foto: dpa)
Redakteur Politik

Mesut Özil sollte ein lebender Beweis sein. Der Deutsche Fußballbund wollte es so, Bundeskanzlerin Angela Merkel auch. Özil sollte der Welt zeigen, dass es im Deutschland des 21. Jahrhunderts normal ist, Deutscher zu sein und Özil zu heißen. Nun ist Özil aus der Nationalmannschaft zurückgetreten. Und auch wenn sein Foto mit dem türkischen Autokraten Erdogan dämlich war – die massive öffentliche Wut gegen ihn erklärt dieser Fehler nicht. Die Causa Özil ist zum Beweis dafür verkommen, dass ein großer Teil der deutschen Gesellschaft sich schwertut mit zwei Wahrheiten: erstens, dass es das Wort Heimat auch in der Mehrzahl gibt. Zweitens, dass Rassismus für Millionen Menschen kein Hirngespinst ist, sondern schmerzhafte Alltagserfahrung.

Die erste Wahrheit liegt eigentlich auf der Hand: Mehr als ein Fünftel der Menschen in Deutschland hat mindestens einen Elternteil, der nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren ist. Millionen Menschen hierzulande haben mehrere Heimaten. Doch am Fall Mesut Özil hat sich gezeigt, was viele Menschen mit gemischten Wurzeln regelmäßig erleben: Machen sie einen Fehler, dann wird ihr Migrationshintergrund zum Migrationsvordergrund. Als Mesut Özil Weltmeister wurde, war er Deutscher. Als er das Foto mit Erdogan machte, wurde er wieder zum Türken. So kann Integration nicht funktionieren.

Die zweite Wahrheit, den alltäglichen Rassismus gegenüber Menschen nichtdeutscher Herkunft, belegen Jahr für Jahr aufs Neue wissenschaftliche Studien: Wer nicht Müller heißt sondern Yilmaz, der findet schwerer einen Job und eine Wohnung – und wird mit hoher Wahrscheinlichkeit wegen seiner Herkunft immer wieder beleidigt. Sich vorzustellen, was diese lebenslange Erfahrung mit einem Menschen macht, wäre ein Schritt nach vorne. Ein Schritt, der hundertmal hilfreicher wäre als die gefühlt einhundertste Integrationsdebatte in zehn Jahren. Es wäre ein wichtiger Schritt in eine Zukunft, in der es normal ist, Deutscher zu sein und Özil zu heißen.

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