Warum russische Männer so früh sterben – und so wenig von ihrer Rente haben

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Russian opposition leader Sergei Udaltsov (L) gestures as he speaks during a rally against the pension reform in front of the St
Russian opposition leader Sergei Udaltsov (L) gestures as he speaks during a rally against the pension reform in front of the State Duma, the lower house of parliament, in Moscow on September 26, 2018. - The Russian parliament on Wednesday unanimously approved President Vladimir Putin's amendments of a hugely unpopular pension reform that has led to a rare outburst of public anger in the country. (Photo by Yuri KADOBNOV / AFP) (Foto: Yuri Kadobnov)
Klaus-Helge Donath
Redakteur
Moskau

Sergei Iwanowitsch ist Elektriker. Der 59-Jährige arbeitet als Angestellter bei einem Moskauer Gebäudeservice. Er sei ein Glückspilz, sagt er. Nächste Woche feiert er seinen 60. Geburtstag, und er wird an seinem Arbeitsplatz weiterarbeiten. Gleichzeitig wird er eine Rente beziehen und Altersvergünstigungen in Anspruch nehmen – wie jeder fünfte der rund 46 Millionen russischen Rentner. Ein Glückspilz ist Iwanowitsch, weil die neue Rentenreform erst im Januar 2019 in Kraft tritt. Schrittweise soll danach das Eintrittsalter für Männer von 60 auf 65 Jahre und für Frauen von 55 auf 63 Jahre angehoben werden.

Die Reform ist der größte Eingriff seit den 30er-Jahren. Die meisten angehenden Rentner empfinden sie als einen Vertragsbruch des Kremls. Mit dem bescheidenen Ruhegeld, das sie bislang bekamen, waren sie zwar nie zufrieden, doch die Möglichkeit, in den ersten Jahren des Rentnerdaseins dazuzuverdienen, ließ sie stillhalten.

Vor allem Männer fürchten, um ihr Ruhegeld geprellt zu werden. Laut der Statistikbehörde Rosstat liegt ihre durchschnittliche Lebenserwartung nur bei 67 Jahren. Bis 65 zu arbeiten, kommt für sie deshalb nicht infrage. Frauen können immerhin mit 77 Jahren rechnen. Im internationalen Vergleich liegt Russland bei der Lebenserwartung völlig abgehängt auf Platz 113. Die meisten früheren Sowjetrepubliken und selbst Nordkorea stehen besser da.

Ein wichtiger Grund dafür ist die vielfach schlechte Gesundheitsversorgung. Vielerorts kommt diese nicht an jene der Hauptstadt Moskau heran, dessen Bürger mit 77 Jahren Lebenserwartung vergleichsweise alt werden – anders als in einigen Regionen des Fernen Ostens, wo Männer nicht einmal das frühere Eintrittsalter von 60 Jahren erreichen.

Zu wenig Geld für Gesundheit

Schon außerhalb Moskaus wird die Versorgung mit Technik und Medikamenten schlechter. Seit 2002 hat der Staat die Hälfte aller Krankenhäuser schließen lassen. Schon in der Sowjetunion war die Gesundheitsversorgung unterfinanziert. Bis in die 60er-Jahre gelang es wie im Westen, die Sterblichkeit bei Infektionskrankheiten abzubauen. Bei Krebs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen jedoch konnte Russland nicht mithalten.

Nach wie vor gehört in Russland der Alkoholkonsum zu den häufigsten Sterbeursachen. Fast 40 Prozent aller Todesfälle im Alter zwischen 15 und 54 Jahren hängen damit zusammen. Rund 20 Jahre verkürzt der Alkohol das Männerleben, obwohl der Konsum laut Russlands Chefdemograf Anatoli Wischnewski um fast ein Drittel auf 13 Liter reinen Alkohol pro Jahr gesunken ist. Doch auch alkoholbedingte Verkehrsunfälle, Gewalt, Morde und Suizide stehen in der Statistik weit oben.

Vor Jahren schon legte die Regierung im Auftrag von Präsident Wladimir Putin ein „Antialkoholkonzept 2020“ auf. Dieses regulierte Bezug und Verkaufszeiten für Alkoholgetränke und ordnete Mindestpreise an. Regierungschef Dmitri Medwedjew regte nun aber an, Bier und Wein wieder an Tankstellen zu vertreiben. Kremlchef Putin bleibt derweil eisern. Er ordnete an, bis zum Ende seiner Amtszeit 2024 die Lebenserwartung der Russen auf 78 Jahre hochzuschrauben. Dagegen hätte auch Sergei Iwanowitsch nichts einzuwenden.

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