Warum Kim Jong-un sich jetzt einen neuen Titel gibt

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 Kim Jong-un
Kim Jong-un (Foto: AFP)
Angela Köhler und Tokio

Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un ist immer für eine Überraschung gut. Der junge Diktator lässt sich neuerdings von den Medien seines Reiches als „Oberster Repräsentant des gesamten koreanischen Volks“ titulieren. Das ist nicht nur pure Eitelkeit. Es steckt ein tatsächlicher Machtanspruch darin, der vermutlich 35-Jährige will als alleiniger „Führer aller Koreaner“ anerkannt werden.

Erstmalig tauchte Kims neuer Titel am Wochenende in Berichten zur Konstituierung des neuen Parlaments auf, seither wird er in Nordkoreas Medien auffällig häufig kolportiert. Unklar ist bislang, ob Kim seine neue Ehrenbezeichnung offiziell in der Verfassung der Volksrepublik, deren „Oberster Führer“ er zudem ist, verankern ließ.

Das Spiel mit realen und vermeintlichen Titeln gehört seit der Gründung der Volksdemokratischen Republik zum Spiel der Kim-Dynastie, die auf diese Weise ihre Machtposition symbolisch zu überhöhen trachtet. Seit drei Generationen wird Nordkorea wechselweise von „großen“, „göttlichen“, „weisen“ oder auch nur „lieben“ Führern beherrscht. Gründervater Kim Il-sung galt schon zu Lebzeiten als „Sonne“, die Volk und Land mit Wärme und Weisheit bescheint. Seit seinem Tod trägt der älteste Kim den Titel „Ewiger Präsident“.

Ein protokollarisches Problem

Für seine Nachfahren an der Macht ist das ein Problem. Wie soll man international respektvoll behandelt werden, wenn niemand genau weiß, wie man Kim protokollarisch korrekt anspricht? Der zweite Herrscher, Kim Jong-il, wird vom Parteivolk seit seinem Tod als „ewiger Generalsekretär“ verehrt. Da bleibt nicht mehr sehr viel Raum für die Verehrung der Nummer 3 in der Dynastie, Kim Jong-un. Im April 2016 wurde für den Diktatorenspross der bis dato neue Titel des Parteivorsitzenden kreiert. Das entspricht zwar den konkreten Machtverhältnissen, klingt aber nicht viel origineller als seine vorherige Anrede Parteisekretär.

Das war Donald Trump offenbar auch zu schnöde. Beim jüngsten Gipfeltreffen in Hanoi beförderte der Chef des Weißen Hauses seinen Konterpart zum „Generalsekretär“ und nach Belieben auch zum „guten Freund“. Geht es nun nach den Wünschen der Pjöngjanger Propaganda, sollte Trump bei einem möglichen dritten Spitzentreffen Kim Jong-un als „Obersten Repräsentanten des ganzen koreanischen Volkes“ begrüßen.

Ein solcher Schritt würde zwangsläufig Amerikas ausgezeichnetem Verhältnis zu Südkoreas Staatspräsidenten Moon Jae-in schweren Schaden zufügen. Der Chef des Blauen Hauses in Seoul dürfte nicht amüsiert sein von den großmäuligen Ambitionen Kims. Bisher hatten Nordkoreas Diktatoren stets vorsichtig vermieden, ihren Machtanspruch über die gesamte Nation offen zu demonstrieren. Der neue Titel ist eine Herausforderung an den Nachbarn Südkorea, dessen Bevölkerung doppelt so groß und dessen Wirtschaftsleistung zwanzigmal so stark ist wie die des Nordens.

Und am langen Ende müsste Moon auch noch fürchten, dass sich Kim zum König von Korea erheben lässt. Diesen Titel muss er nicht erfinden, in der koreanischen Geschichte hat es es die Monarchie bereits gegeben.

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