Warum der Nordirak unsere Hilfe braucht

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Mehrere Männer reden miteinander
Minister Gerd Müller im Austausch mit Chefredakteur Hendrik Groth. (Foto: Daniel Drescher)

4035 Kilometer liegen laut Routenplaner zwischen der oberschwäbischen Stadt Biberach und der kurdischen Provinzhauptstadt Dohuk. Eine Autofahrt von zwei Tagen, zwei Stunden und 48 Minuten – nach aktueller Verkehrslage. Gefühlt ist der Nordirak für die meisten Menschen hierzulande noch viel weiter weg. Reisen in dieses Land sind wenig populär. Und die Menschen, die von dort kommen, werden meist nur als Flüchtlinge wahrgenommen.

Doch es gibt einen Austausch – und dass er lebendig ist und mit Herzblut von beiden Seiten genährt wird, erlebten am Donnerstagabend im Martin-Luther-Haus in Biberach mehr als 200 Besucher. Dort trafen sich zum Podiumsgespräch Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und der Gouverneur der kurdischen Provinz Dohuk, Farhad Ameen Atrushi, moderiert von Hendrik Groth, Chefredakteur der „Schwäbischen Zeitung“.

Der Gouverneur von Dohuk, Atrushi (Foto: Andrea Pauly)

Eine der wichtigsten Botschaften des Abends, der gemeinsam von der „Schwäbischen Zeitung“ und dem Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart organisiert worden war: Helfen macht nicht nur Freude – für die Kurden im Nordirak ist die deutsche Hilfe sogar lebensnotwendig. Denn ohne Unterstützung von außen könnte die autonome Region Kurdistan rund 1,1 Millionen Flüchtlinge nicht versorgen.

„Wir haben nach wie vor Städte in Dohuk, in denen mehr Flüchtlinge als alteingesessene Einwohner leben“, beschreibt Gouverneur Atrushi die Lage in seiner Provinz. 21 Camps mit 600 000 Menschen sind infolge des Krieges in Syrien und der Vertreibung der Jesiden durch den „Islamischen Staat“ in diesem Gebiet entstanden. Das 22. Camp kam erst vor wenigen Wochen hinzu – für rund 17 000 Kurden, die vor der türkischen Offensive im Nordosten Syriens fliehen mussten. Auch sie werden nun von der kurdischen Regionalregierung, so gut es geht, versorgt. Dennoch fehlt es an vielem: Nicht nur Geld und Nahrungsmittel sind knapp, auch die Zelte schützen mehr schlecht als recht vor der Winterkälte in Kurdistan. „Deshalb haben wir bereits 30 000 Euro Spendengelder für die Menschen dort auf den Weg gebracht“, sagt Hendrik Groth.

Der Gouverneur von Dohuk, Atrushi (Foto: Andrea Pauly)

Die autonome Region Kurdistan – in Deutschland schafft es diese Weltgegend meist nur dann in die Schlagzeilen, wenn sich die Kurden in ihrem Bemühen um Unabhängigkeit von der Zentralregierung in Bagdad mehr Rechte und Geld aus den Öleinnahmen fordern. Doch für die Menschen vor Ort, die Kriege, Gräueltaten und Vertreibung entweder selbst oder in unmittelbarer Nachbarschaft erlebt haben, hat Kurdistan eine ganz andere Bedeutung. Für sie ist es ein Ort mit vergleichsweise hoher politischer Stabilität und Sicherheit. Deshalb haben sich dort so viele eine neue Bleibe gesucht. Für die kurdische Regierung resultiert daraus allerdings auch eine große Verantwortung: Sie muss dafür sorgen, dass Hunderttausende Menschen Nahrung, Wasser und ein Dach über dem Kopf haben. Dazu kommt die medizinische Versorgung Zigtausender Flüchtlinge, auch von traumatisierten Frauen und Kindern.

„Was Sie geleistet haben und leisten, ist unglaublich“, lobt Gerd Müller das kurdische Engagement für die Flüchtlinge. „Bei ihnen wird nicht gejammert, sondern geholfen.“ Ihn persönlich habe in seiner Zeit als Entwicklungsminister nichts mehr geprägt als die Besuche in diesem Krisengebiet. „Die Lage in den Flüchtlingscamps ist dramatisch.“ Viele Menschen harrten nach wie vor mit ihren Kindern bei Kälte und Nässe in Zelten aus. Dem Gouverneur von Dohuk versichert Müller: „Wir lassen Sie nicht im Stich, Herr Atrushi. Sie sind hier bei Freuden.“ Die Bundesregierung werde die Autonomieregierung auch in den kommenden Jahren unterstützen.

Der Gouverneur von Dohuk, Atrushi (l.), und seine Delegation zu Gast bei der Schwäbischen Zeitung. Rechts Redakteur Ludger Möllers. (Foto: Andrea Pauly)

Dem kurdischen Politiker nimmt er damit eine große Sorge. „Wenn wir im Stich gelassen würden, weiß ich nicht, welches Schicksal die Flüchtlinge erwarten würde. Alleine sind wir nicht in der Lage, uns um diese Menschen zu kümmern.“

Mehr als 300 000 Jesiden, die vor fünf Jahren vor den Angriffen des „Islamischen Staat“ aus dem Shingal-Gebiet an der Grenze zu Syrien geflohen sind, leben nach wie vor in Flüchtlingscamps wie Mam Rashan oder Sheikhan in der Provinz Dohuk. Die meisten von ihnen sind abhängig von der Unterstützung, die ihnen die kurdische Regionalregierung, das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), ausländische Regierungen und Hilfsorganisationen wie die Caritas gewähren. Ihr selbstbestimmtes Leben als Bauern oder Gärtner hat die Terrormiliz IS am 3. August 2014 zunichte gemacht. Neue Arbeit finden sie meist nur als als schlecht bezahlte Tagelöhner in der Umgebung der Camps. Aber auch der Weg zurück in die Heimat ist ihnen verbaut, weil es dort weder Sicherheit noch ausreichend Infrastruktur gibt.

„Was die Jesiden erlebt haben, ist eine große Katastrophe“, sagt Gouverneur Atrushi. „Das war ein Massaker.“ Tausende wurden von den Dschihadisten ermordet, mehr als 6000 Frauen und Mädchen verschleppt und versklavt, von ihnen leben bis heute rund 3000 in Gefangenschaft. Doch diejenigen, die überlebt haben, brauchen eine Zukunftsperspektive, die sie aber bislang nicht haben – auch darin waren sich Atrushi und Müller einig. Umso wichtiger sei es, mit dem Ausbau der medizinischen Versorgung, einer besseren Infrastruktur und mehr Schulen die jetzige Situation zu stabilisieren.

Der Gouverneur von Dohuk, Atrushi (Foto: Andrea Pauly)

„Kurdistan will ein Ort des Zusammenlebens und des Friedens bleiben“, sagt Gouverneur Atrushi. Chefredakteur Hendrik Groth fragt in die Runde, ob dieser Frieden, die Stabilität in der Kurdistan, durch die anhaltenden Proteste im Zentralirak erschüttert sei. Dies befürchtet Atrushi derzeit noch nicht. Allerdings sieht der Gouverneur die Gefahr politischer Umstürze und gesellschaftlicher Spaltungen im Land, sollte die Protestwelle weitergehen. „Am Anfang haben diese jungen Menschen nur gegen die Korruption im Land, gegen den Einfluss Irans auf den Irak protestiert. Inzwischen gibt es in Bagdad keine Regierung mehr, und die Demonstranten fordern politische Veränderungen, sogar eine neue Verfassung.“ Das könnte dann doch gefährliche Auswirkungen auf die Autonomieregion Kurdistan haben, befürchtet er.

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