Warum das Geiseldrama in der US-Botschaft in Teheran nach 40 Jahren noch nachwirkt

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 An der Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran wurden am 2. November aus Anlass des 40. Jahrestags der Geiselnahme neue Wa
An der Mauer der ehemaligen US-Botschaft in Teheran wurden am 2. November aus Anlass des 40. Jahrestags der Geiselnahme neue Wandmalereien enthüllt. (Foto: AFP)
Thomas Seibert

Als iranische Studenten am 4. November 1979 in die amerikanische Botschaft in Teheran eindrangen, wollten sie eigentlich nur ein paar Tage bleiben, um gegen die USA zu protestieren. Doch aus der Aktion wurde ein Geiseldrama, das 444 Tage dauerte und die iranisch-amerikanischen Beziehungen bis heute vergiftet. Nach wie vor schauen beide Seiten aus völlig verschiedenen Blickwinkeln auf das Ereignis – und bleiben in einem Teufelskreis aus gegenseitigen Verdächtigungen gefangen.

Das Motiv für den Sturm auf die Botschaft lag in der langen Geschichte der amerikanischen Einmischung in die iranische Politik. Mehr als zwei Jahrzehnte vor der Besetzung der Botschaft, im Jahr 1953, hatten US-Geheimdienstler mit britischer Hilfe einen Staatsstreich gegen den damaligen iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh organisiert, weil der Politiker die iranische Ölindustrie verstaatlicht und damit westliche Konzerne aus dem Land gejagt hatte. Schah Reza Pahlevi wurde durch den Putsch zum starken Mann des Landes und verfolgte einen pro-westlichen Kurs, herrschte jedoch zunehmend autokratisch und unterdrückte seine Gegner brutal.

Als der Schah Anfang 1979 wegen wachsender Proteste aus Teheran floh und die Macht verlor, erhielt er vom damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter eine Einreisegenehmigung, um sich in Amerika einer Krebsbehandlung zu unterziehen. Viele Iraner sahen Carters Entscheidung nicht als humanitäre Geste, sondern als Zeichen, dass die USA einen neuen Putsch in Teheran planten. Die Studenten wollten mit der Besetzung der US-Botschaft die Auslieferung des Ex-Monarchen erzwingen.

Teilnehmer der Aktion sagen, sie hätten keine langwierige Geiselnahme geplant. Der ehemalige Studentenführer Ebrahim Asgharzadeh sagte der Nachrichtenagentur AP vor dem Jahrestag, er und seine Mitstreiter hätten nur einen zweitägigen Sitzstreik veranstalten wollen. Doch dann unterstützte Revolutionsführer Ajatollah Ruhollah Chomeini die Besetzung – aus der Studentenaktion wurde eine Staatsaffäre und der Beginn einer Dauerkrise. Im April 1980 schlossen die USA die iranische Botschaft in Washington. Bis heute haben beide Länder keine diplomatischen Beziehungen.

Quälerei und Misshandlungen

Machtlos verfolgten die Amerikaner das Schicksal von anfangs mehr als 60 Diplomaten, Mitarbeitern und Soldaten in der Botschaft. Medienberichten zufolge wurden die Geiseln geschlagen und mit Scheinhinrichtungen gequält. Es gab mehrere Selbstmordversuche. Nachdem Chomeini die Freilassung aller Frauen und Afro-Amerikaner anordnete, saßen noch 53 US-Bürger in Gefangenschaft, die spätere Entlassung einer Geisel aus Krankheitsgründen brachte die Zahl auf 52. Ein militärischer Befreiungsversuch der USA im April 1980 scheiterte. Die Affäre spielte eine große Rolle bei Carters Niederlage gegen Ronald Reagan bei der Präsidentenwahl im November 1980.

Nach langen Verhandlungen hinter den Kulissen kamen die Geiseln am 20. Januar 1981 frei und wurden nach Deutschland ausgeflogen – wenige Stunden nach Reagans Amtseinführung. Als Gegenleistung für die Freilassung gaben die USA eingefrorene iranische Konten mit einem Gesamtvermögen von knapp acht Milliarden Dollar frei. Zudem verpflichtete sich Washington, sich nicht mehr in die inneren Angelegenheiten Irans einzumischen.

Doch eine Versöhnung blieb aus. Bis heute ist Iran für die US-Politik der große Gegner im Nahen Osten. Zum 40. Jahrestag des Geiseldramas beklagte das US-Außenamt jetzt „die lange Geschichte des bösartigen Verhaltens des iranischen Regimes“.

US-Präsident Donald Trump fährt einen Kurs des „maximalen Drucks“, um Iran wirtschaftlich in die Knie zu zwingen und die Regierung in Teheran zu Zugeständnissen in der Atompolitik und bei regionalen Konflikten in Nahost zu bewegen. Auch wenn Trump selbst immer wieder versichert, er strebe keinen Regimewechsel in Teheran an, vermittelt seine Regierung den Eindruck, dass sie im Sturz der Islamischen Republik die Lösung aller Probleme sieht.

„Aus Sicht der Amerikaner beginnt und endet die Geschichte der amerikanisch-iranischen Beziehungen mit dem Geiseldrama“, schrieb der Kolumnist und Iran-Kenner Stephen Kinzer in der Zeitung „Boston Gobe“. „Die Iraner sehen die Geschichte völlig anders – nämlich als Folge des Putsches von 1953.“ 40 Jahre nach Beginn des Geiseldramas haben die USA und Iran keinen Weg aus dieser Sackgasse gefunden.

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