Warten auf Teherans Racheakt

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Hunderttausende Bürger nehmen an einem Trauerzug für den wichtigsten Vertreter des iranischen Militärs im Ausland, Kassem Soleim
Hunderttausende Bürger nehmen an einem Trauerzug für den wichtigsten Vertreter des iranischen Militärs im Ausland, Kassem Soleimani, und den stellvertretenden Leiter der überwiegend schiitisch-muslimischen Einheiten (PMF), Abu Mahdi al-Mohandis, teil. (Foto: Atta Kenare/afp)
Deutsche Presse-Agentur
Lena Klimkeit und Carsten Hoffmann und Jan Kuhlmann

Menschenmassen ziehen durch Teheran. In Schwarz gekleidet und mit Trauer im Gesicht nehmen sie am Montag in der iranischen Hauptstadt Abschied vom getöteten Top-General Kassem Soleimani, der bei einem gezielten US-Raketenangriff starb. Die Wut auf US-Präsident Donald Trump ist groß, selbst unter den Iranern, die ihre eigene Führung nicht unterstützen. Für Teheran ist die Zeremonie auch eine Demonstration der Einheit, der Stärke und Entschlossenheit.

Es gibt kaum Zweifel, dass Iran für den Tod seines hohen Militärführers Vergeltung suchen wird. Dann droht der Region eine neue Spirale von Gewalt und Gegengewalt. Soleimani hat in der arabischen Welt ein dichtes Netz iranischer Verbündeter aufgebaut, die Racheaktionen übernehmen könnten: die Schiitenmiliz Hisbollah im Libanon, paramilitärische Gruppen und die Regierung in Syrien, die Huthi-Rebellen im Jemen – vor allem aber zahlreiche schiitische Milizen im Irak, die sogenannten Volksmobilisierungskräfte.

In der Krise zwischen Teheran und Washington rückt der Irak immer weiter in den Fokus. Dort wurde nicht nur Soleimani getötet. Der Irak bietet sich aus iranischer Sicht auch für eine Vergeltung an, denn hier ist Teherans Einfluss besonders stark – und zugleich sind dort noch rund 5000 US-Soldaten stationiert. Auch Trump nimmt das Krisenland in den Blick.

Irans Führung pflegt enge Verbindungen zu zahlreichen irakischen Milizen, mächtigen bewaffneten Gruppen, die unabhängig von der Regierung agieren. Viele ihrer Anführer lebten früher lange im iranischen Exil. Sie haben auch politisch starken Einfluss in Bagdad. Gegen den Willen der Milizen – und somit auch gegen den Willen Teherans – kann dort keine Regierung gebildet werde.

Schon in den vergangenen Monaten standen die Milizen unter Verdacht, US-Bürger im Irak angegriffen zu haben. Sie sollen auch für die Proteste an der US-Botschaft in Bagdads stark gesicherter Grüner Zone verantwortlich gewesen sein, so jedenfalls die Anschuldigung aus Washington. Die Wut auf die USA unter den Milizen und ihren Anhängern ist auch deshalb groß, weil bei dem US-Angriff neben Soleimani auch ihr hoher Anführer Abu Mahdi al-Muhandis starb.

Die neue Eskalation trifft das Krisenland Irak in einer ohnehin äußerst instabilen Phase. In den vergangenen Monaten kam es immer wieder zu Protesten gegen die Regierung, aber auch gegen den starken Einfluss des Irans. Der ohnehin schwache Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi reichte daraufhin seinen Rücktritt ein. Er ist nur geschäftsführend im Amt und damit praktisch handlungsunfähig.

Überhaupt leidet das Land noch unter dem langen und zerstörerischen Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Der milliardenteure Wiederaufbau kommt kaum voran, nicht zuletzt wegen der grassierenden Korruption. Vor allem die jüngere Generation ist angesichts der politischen und wirtschaftlichen Krise frustriert.

In der Hauptstadt wird seit Wochen um einen Nachfolger für Abdel Mahdi gerungen. Teheran dürfte nach Soleimanis Tod versuchen, das Land noch mehr unter seine Kontrolle zu bringen. Am Sonntag beschloss das Parlament in Bagdad, dass alle ausländischen Truppen den Irak verlassen sollten. Sollten die US-Truppen tatsächlich abziehen müssen, gäbe es kaum noch ein Gegengewicht zum iranischen Einfluss. Dann hätte Trump mit seiner Militäraktion das Gegenteil dessen erreicht, was er wollte: Iran würde zumindest im Irak gestärkt.

Die Risiken einer Eskalation sind gewaltig – warum hat Trump es trotzdem gewagt, die Krise zu entfesseln? Die Fragen werden immer wieder aufgeworfen – und es gibt viele mögliche Antworten darauf. Spätestens seit der versuchten Erstürmung der US-Botschaft in Bagdad stand Trump parteiintern unter Druck, auf Provokationen Irans zu reagieren. Trump könnte außerdem darauf hoffen, dass sich das gespaltene Land angesichts der Krise hinter dem Präsidenten sammelt – wie es in der Vergangenheit oft der Fall war.

Die USA sind zehn Monate vor der Wahl tief gespalten. Ein Grund dafür ist das von den Demokraten angestoßene Amtsenthebungsverfahren, dem sich Trump als dritter Präsident in der Geschichte des Landes stellen muss. Ist die Iran-Krise ein gezieltes Manöver, um davon abzulenken? Mit einem Tweet nährte Trump diesen Verdacht am Montag, als er das Amtsenthebungsverfahren erneut beklagte. „Zu diesem Zeitpunkt in unserer Geschichte, wo ich derart beschäftigt bin, Zeit mit diesem politischen Schwindel zu verschwenden, ist traurig!“

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