Währungssturz: In der Türkei wird das Leben teuer

Lesedauer: 5 Min
Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn fast ein Drittel ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren.
Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn fast ein Drittel ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren. (Foto: afp)
Susanne Güsten

Die wachsenden Wirtschaftsprobleme in der Türkei wirken sich immer mehr auf den Alltag aus. Mit stummem Entsetzen sehen die Türken in diesen Tagen zu, wie ihr Geld vor ihren Augen wegschmilzt. Selbst ein neues Netzkabel für einen Computer wird da zum Problem.

Der Elektrohändler in Istanbul blickt auf seine halbleeren Regale und hebt bedauernd die Hände. „Die habe ich nicht mehr nachbestellt, denn die kommen aus dem Ausland“, sagt er. „Ich habe sie bisher für 20 Lira verkauft, doch dafür bekomme ich sie jetzt selbst nicht mehr.“ Und nun? Der Händler zögert kurz, dann zieht er das Netzkabel aus seiner Registrierkasse und reicht es über den Tresen. Die Kasse, so impliziert er mit seiner Geste, werde er wohl nicht mehr lange brauchen.

Auch die Banken sind gefährdet

Die Lira hat seit Jahresbeginn fast ein Drittel ihres Wertes gegenüber dem US-Dollar verloren. Die rohstoffarme Türkei bestreitet fast ihre gesamte Energieversorgung mit Hilfe von Einfuhren von Öl und Gas – die in Dollar gehandelt werden. Die Schulden türkischer Unternehmen in ausländischen Währungen werden auf mehr als 200 Milliarden Dollar geschätzt. Manche Experten rechnen mit einer Welle von Konkursen, wenn die Firmen ihre Kredite nicht mehr bedienen können, weil ihre Lira-Einnahmen immer wertloser werden. Auch die Banken, die den Unternehmen Geld geliehen haben, sind gefährdet.

Und doch bleibt der kollektive Aufschrei aus. Das liegt zum einen an den Medien, die zum allergrößten Teil auf Regierungslinie sind und den bis zu sechsprozentigen Wertverlust der Lira an einem einzigen Tag diese Woche nicht einmal erwähnten. Zum anderen glauben viele Türken der Regierung, wenn sie sagt, die Wirtschaftskrise sei Folge eines Komplotts feindlicher ausländischer Mächte. Als Präsident Recep Tayyip Erdogan die Bürger vor einigen Tagen zum wiederholten Male aufrief, ihre Dollar-Ersparnisse in Lira umzuwandeln, um so die Landeswährung zu stützen, ging das als Appell an den Patriotismus durch. Erdogan sprach von einem „Wirtschaftskrieg“, den die Türkei durchstehen müsse. Bisher konnte er damit Proteste abbiegen.

In den Familien und unter Freunden sind die Sorgen um Geld und Auskommen das wichtigste Thema. Der Lira-Absturz und eine Inflationsrate von fast 16 Prozent machen den Alltag plötzlich sehr viel teurer. Der staatliche Mindestlohn von 1600 Lira netto im Monat, mit dem viele Türken auskommen müssen, war schon Anfang des Jahres mit einem Gegenwert von 352 Euro nicht üppig. Heute sind es nur noch 260 Euro.

In den vergangenen Wochen erlebten die Türken eine Welle von Preisanhebungen: Brot, Strom, Gas – alles wurde teurer. Einen ebenfalls anstehenden Preisanstieg beim Benzin konnte die Regierung nur durch einen eiligen Steuernachlass bei Kraftstoff ausgleichen. Der Kursverfall der Lira habe allein die Unternehmensverschuldung seit Februar um mehr als 340 Milliarden Lira anschwellen lassen, schrieb der regierungskritische Wirtschaftsexperte Mustafa Sönmez. „Das zerreißt sowohl die Firmen als auch die Banken.“ Sönmez und andere Experten halten inzwischen ein Hilfspaket des Internationalen Währungsfonds (IWF) für die Türkei für möglich.

In der Krise von 2001 griff der IWF ein und verpasste dem Land ein Konjunkturprogramm – das für viele Normalbürger ebenso schmerzhaft war wie die Krise selbst.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen