Volker Kauder: „Ich kann nur hoffen, dass die SPD sich berappelt“

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Volker Kauer im Anzug im Porträt
Volker Kauder fordert die Politik auf, sich um eine „anständige Streitkultur“ zu bemühen. (Foto: Michael Scheyer)
CDU

Volker Kauder (CDU), der frühere Unionsfraktionsvorsitzende, findet die Art und Weise, wie die Ex-Parteichefin Andrea Nahles behandelt wurde, „nicht in Ordnung“ und „feige“. „Die Aufgabe eines Fraktionsvorsitzenden kann schwierig sein“, sagte er im Interview mit der „Schwäbischen Zeitung“. Kauder selbst ist nach seiner Abwahl im vergangenen September mit sich selbst „sehr im Reinen“. Sabine Lennartz und Ellen Hasenkamp sprachen mit dem Tuttlinger, der am 10. Oktober zum Bodensee-Business-Forum nach Friedrichshafen kommt.

Herr Kauder, im vergangenen September hat es Sie erwischt, jetzt Andrea Nahles. Was haben Sie bei deren Rücktritt als allererstes gedacht?

Die Aufgabe eines Fraktionsvorsitzenden kann schwierig sein.

Haben Sie Mitleid?

Die Art und Weise, wie Andrea Nahles behandelt worden ist, war nicht in Ordnung. Immer wieder wurde durchgestochen, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen sei. Das ist feige.

Wie war es bei Ihrer Niederlage im Kampf um den Fraktionsvorsitz?

Bei mir gab es auch den ein oder anderen Hinweis über die Presse, aber es wurde nicht an meinen Führungsqualitäten gezweifelt, sondern eher im Gegenteil kritisiert, dass ich vielleicht zu stark geführt habe. Bei uns waren die Abläufe aber einwandfrei. Ich bin mit mir sehr im Reinen.

Sie haben hier ein Kreuz aus dem Kloster Maria Laach auf dem Schreibtisch stehen, das Ihnen Andrea Nahles geschenkt hat.

Der Glaube hat uns natürlich verbunden. Mir hat mein Glaube geholfen in den schwierigen Stunden, nachdem ich nicht wiedergewählt wurde. Ich denke, diese Erfahrung wird Andrea Nahles auch machen.

„Bleibt beieinander und handelt besonnen“, hat Andrea Nahles zum Schluss ihrer Fraktion mit auf den Weg gegeben. Würden Sie das Ihrer Fraktion auch sagen?

Wir müssen uns nur um eine anständige Streitkultur bemühen. Im Streit muss es um die Sache und nicht um persönliche Verletzungen gehen. Keine Staatsform bedarf so sehr der Führung wie die Demokratie. Die Menschen müssen wissen, was Führungspersönlichkeiten denken.

Wir erleben aber zurzeit, wie neue Formen der Mitsprache eingefordert werden. Wie geht das zusammen?

Führung heißt nicht, dass einer sagt, wo es langgeht, sondern, dass der Wähler weiß, was man vorhat und dass sich die Partei einig ist. Das erfüllen die Grünen.

Das Problem im Fall der Union ist inzwischen ein anderes, das hat die Europawahl doch gezeigt; dass es nämlich in vielen Fragen gar keine Positionierung gibt.

Ja, ich finde, dass wir bei der Formulierung dessen, was wir wollen, besser werden müssen. Und dass wir da auch besser werden können.

Wie lange geben Sie der Großen Koalition noch?

Ich hoffe, dass sie zusammenbleiben kann, denn wir sind ja auch auf internationaler Ebene besonders gefragt. Es macht mich schon traurig, dass die stärkste Nation in Europa in einer Situation wie manch anderes europäische Land ist. Diese Schwäche können wir uns nicht leisten.

Muss also die Union irgendwann entscheiden, dass es so nicht mehr weitergeht?

Das sehe ich überhaupt nicht. Es ist unser Markenzeichen, dass wir immer am besten sind, wenn wir regieren.

Aber Sie machen sich abhängig von einer taumelnden SPD?

Solange wir noch gute Ergebnisse produzieren – wie heute bei dem Migrationspaket –, ist eine Regierung gerechtfertigt. Ich kann nur hoffen, dass die SPD sich berappelt. Bis zu den Landtagswahlen im September sollte sie wieder auf die Füße kommen.

Hat Ihre Partei das Thema Klimaschutz verschlafen?

Auseinandersetzungen wie jene um den Klimaschutz finden in einer emotionalen Form statt, die der wirklichen Problemlage nicht gerecht wird. Klimaschutz ist keine rein nationale Aufgabe. Die Fridays for Future-Kids sollten mal vor die amerikanische Botschaft ziehen – von da aus vor die chinesische.

Ist es nicht legitim, dass die Jugendlichen sich an ihre eigene Regierung wenden?

Natürlich, und nach vielen Jahren der politischen Enthaltsamkeit ist das doch ein tolles Zeichen. Aber ich denke auch zurück, als wir die politische Arbeit angefangen haben. Wir haben damals nicht gesagt: „Opa, mach jetzt mal dies oder jenes.“ Wir haben gesagt: „Opa mach mal Platz, jetzt kommen wir.“ Ich erwarte von der Jugend nicht nur Appelle, sondern, dass sie sich auch engagiert, in Jugendorganisationen oder in Parteien.

Schraubt die Große Koalition zu sehr an kleinen Problemen herum?

Ich habe mir ja nach der Bundestagswahl Jamaika gewünscht. Das hätte auch der Diskussion um den Klimaschutz gut getan. Dann hätten die Grünen ja mal sagen müssen, was passieren soll. Ich nenne mal einen Punkt: Allein die Retouren bei Amazon verursachen 238 000 Tonnen CO2. Sollen wir dann also sagen, dass man nach der Fridays for Future-Demo in der Buchhandlung vorbeigeht, und dort sein Buch abholt?

Wie hätte Ihre Partei auf das Rezo-Interview reagieren sollen?

Alle sagen, da muss man schnell reagieren. Aber es hätte ja auch die Möglichkeit gegeben, zu sagen, da gehen wir einfach mal drüber hinweg. Aber was nie geht ist: ankündigen und dann nicht machen. Was mich aber umtreibt, und das betrifft jetzt nicht Rezo, ist die Anonymität im Netz. Das macht im politischen Diskurs viel kaputt, weil man alles sagen kann, ohne Verantwortung dafür zu übernehmen.

Herr Kauder, Sie müssen noch ein Versprechen einlösen: Vergangenes Jahr haben Sie angekündigt, wenn es was wird mit der GroKo, dann ziehen Sie Ihre berühmte rote Lederjacke auch einmal in Berlin an.

Ich habe sie lange nicht mehr angehabt, das muss ich zugeben. Vielleicht bringe ich sie im Herbst mal mit, aus Anlass meines 70. Geburtstags, das wäre doch was. Ich habe auch noch passende rote Sneakers dazu.

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