Viele Fragezeichen nach Angriffen auf Öltanker

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 Ein iranisches Löschboot versucht, das Feuer auf dem Tanker „Front Altair“ unter Kontrolle zu bringen. Das Foto entstand am Don
Ein iranisches Löschboot versucht, das Feuer auf dem Tanker „Front Altair“ unter Kontrolle zu bringen. Das Foto entstand am Donnerstag. (Foto: AFP)
Thomas Seibert

Nach den Angriffen auf zwei Öltanker im Golf von Oman beginnt die Propagandaschlacht zwischen den USA und Iran. Haben Soldaten oder Verbündete Teherans die Anschläge verübt, um die Rücknahme der Sanktionen zu erzwingen, wie die US-Regierung sagt? Oder wurden die Tanker angegriffen, um Iran zu diskreditieren und einen Krieg zu provozieren, wie die iranische Botschaft bei den Vereinten Nationen erklärte? Gesicherte Erkenntnisse gab es am Freitag noch nicht.

Fest steht, dass sich die Angriffe am Donnerstagmorgen Ortszeit im Golf von Oman nahe der Straße von Hormus ereigneten, jener engen Stelle im Persischen Golf, durch die fast 20 Prozent der weltweiten Ölexporte transportiert werden. Nacheinander setzte zuerst der mit Schwerbenzin beladene Tanker „Front Altair“ und dann Schiff „Kokuka Courageous“, das Methanol an Bord hatte, Notrufe ab. Beide Schiffe waren rund 40 Kilometer südlich der iranischen Küste durch Explosionen am Rumpf beschädigt worden, die „Front Altair“ stand in Flammen. Die Mannschaften blieben unverletzt.

Damit endet aber auch schon der von allen Seiten akzeptierte Teil der Geschichte. Während Iran von nicht näher bezeichneten „Unfällen“ sprach, warf die US-Regierung den Iranern einen gezielten Angriff vor.

Minen – oder „fliegende Objekte“

Selbst die Art und Weise, wie die Tanker beschädigt wurden, ist umstritten. US-Quellen legen einen Anschlag mit Haftminen nahe, die an der Außenhülle der Schiffe angebracht worden sein sollen. Allerdings erklärte der japanische Betreiber der „Kokuka Courageous“, Mitglieder der Besatzung hätten vor der Explosion „fliegende Objekte“ in der Nähe der Schiffe gesehen. Fotos zeigten zwei große Löcher im Rumpf des Tankers.

Für die US-Regierung gibt es keinen Zweifel, dass Iran die Tanker angegriffen hat. Die USA veröffentlichten ein Video, das angeblich zeigt, wie iranische Revolutionsgardisten mit einem Schnellboot an eines der Schiffe fahren und eine nicht explodierte Haftmine entfernen, um Spuren zu beseitigen.

Iran weist alle Anschuldigungen zurück. Die Botschaft des Landes bei den Vereinten Nationen sprach von „Kriegstreiberei“, „hinterhältigen Ränkespielen“ und „Operationen unter falscher Flagge“, mit denen Iran als Aggressor dargestellt werden sollte. Auch Iran legte keine Beweise für seine Sicht der Dinge dar.

Was verdeckte Gewaltaktionen angeht, ist keine der beiden Seiten ein Unschuldslamm. Im Oktober 1983 starben 241US-Soldaten bei einem Anschlag im Libanon, für den nach Überzeugung amerikanischer Gerichte die radikalislamische Hisbollah und Iran verantwortlich waren. Beim Berliner Mykonos-Anschlag von 1992 ließ Teheran vier Exilpolitiker töten.

In den USA fühlen sich manche Kritiker Trumps an die Lage vor dem Irakkrieg 2003 erinnert, als die damalige Regierung falsche Vorwürfe verbreitete, um die Öffentlichkeit auf einen militärischen Konflikt vorzubereiten. Andere Beobachter denken an den sogenannten Tonkin-Zwischenfall von 1964: Damals verbreitete die US-Kriegsmarine die Falschmeldung von einem Angriff durch nordvietnamesische Schiffe; die Regierung in Washington nutzte das, um sich vom Kongress grünes Licht für den Vietnamkrieg zu holen.

Je nach Betrachtungsweise kommen noch andere Akteure in Betracht, die ein Interesse an einer Eskalation haben könnten. Neben den USA befürworten regionale Partner der Amerikaner wie Israel und Saudi-Arabien einen harten Kurs gegenüber Iran. Infrage kommen auch pro-iranische Gruppen in der Region, die von Hardlinern in Teheran bei den Angriffen auf die Tanker eingesetzt worden sein könnten.

Die gegenseitigen Vorwürfe bergen die Gefahr, dass die Lage weiter eskalieren könnte. Das iranische Außenministerium erklärte Teheran zur Schutzmacht über die Straße von Hormus. In der Vergangenheit hatte Iran damit gedroht, die Wasserstraße zu sperren. US-Präsident Donald Trump betonte dazu am Freitag, die Iraner würden die Straße von Hormus „nicht für lange“ schließen können.

Explosiv ist die Lage auch, weil die Regierungen in Teheran und in Washington unbedingt vor der jeweils eigenen Öffentlichkeit den Eindruck von Schwäche und Unterlegenheit vermeiden wollen. So hat Trump mehrmals betont, er wolle keinen Krieg mit Iran. Doch er könnte sich zum Handeln gedrängt sehen, wenn sich in den USA die Sichtweise durchsetzt, die Iraner tanzten der Supermacht auf der Nase herum.

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