Vergeltungsschlag Irans gleicht einer Deeskalation per Raketenangriff

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Studentenprotest im Irak: Die Demonstranten protestieren auch dagegen, dass ihr Land zum Schauplatz des Konflikts zwischen Iran
Studentenprotest im Irak: Die Demonstranten protestieren auch dagegen, dass ihr Land zum Schauplatz des Konflikts zwischen Iran und den USA gemacht wird. (Foto: HUSSEIN FALEH/AFP)
Thomas Seibert

Als die iranischen Raketen in Militärstützpunkten im Nachbarland Irak einschlugen, waren in Teheran nicht nur die Militärplaner hellwach, sondern auch die Diplomaten. Auf der Luftwaffenbasis Al-Asad westlich von Bagdad und auf einem Stützpunkt in Erbil im Nordirak gingen in der Nacht zum Mittwoch insgesamt 15 Geschosse nieder – ein Vergeltungsschlag gegen die dort stationierten US-Truppen nach der Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani in der vergangenen Woche. Kurz nach dem Beschuss meldete sich der iranische Außenminister Dschawad Sarif zu Wort: Iran und die USA seien jetzt quitt, lautete seine Botschaft. Teheran wollte mit einer spektakulären Aktion gegen die USA das Gesicht wahren, ohne einen Krieg mit der Supermacht zu riskieren. Zumindest vorerst scheint die Rechnung aufzugehen: Donald Trump verzichtete am Mittwoch auf neue Angriffe gegen Iran als Antwort auf die Raketenschläge.

Trump sagte, keine amerikanischen Soldaten seien bei den iranischen Angriffen zu Schaden gekommen. Die US-Militärs beobachten iranische Abschussrampen per Satellit und konnten ihre Truppen im Irak rechtzeitig in Schutzräume schicken. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete zudem unter Berufung auf westliche Regierungsvertreter, die iranischen Militärs hätten mit ihren Raketen offenbar absichtlich nicht auf US-Truppen gezielt. Nach offiziellen Angaben aus Bagdad kamen auch keine irakischen Soldaten zu Schaden.

Iran startete die Raketen nach dem Abschluss der Trauerfeierlichkeiten für Soleimani, der am Freitag ebenfalls im Irak von einer US-Kampfdrohne getötet worden war. Raketen sind die Hauptwaffen der Iraner, die wegen der westlichen Sanktionen keine moderne Luftwaffe besitzen. Iran verfügt über mehrere Hundert Kurz- und Mittelstreckengeschosse, die US-Stützpunkte überall im Nahen Osten und auch die amerikanischen Partner Israel und Saudi-Arabien treffen können. Mit den Angriffen in der Nacht sei Iran an der unteren Schwelle seiner Möglichkeiten geblieben, sagte ein Berater von Revolutionsführer Ajatollah Ali Khamenei laut dem staatlichen Fernsehen. Hundert weitere Ziele seien vorsorglich ausgewählt worden.

Sarif unterstrich jedoch, dass der Iran von sich aus nichts weiter unternehmen will, um den Tod von Soleimani zu sühnen. Die angemessenen Maßnahmen zur Selbstverteidigung seien abgeschlossen, schrieb der Außenminister auf Twitter. „Wir wollen keine Eskalation oder Krieg.“ Iran werde sich allerdings verteidigen, wenn er angegriffen werde.

Anders als Sarif kehrte Khamenei den Hardliner heraus. Der Revolutionsführer stellte die Raketenangriffe als Demütigung für die Amerikaner hin; die USA hätten einen „Schlag ins Gesicht“ erhalten. Um die Amerikaner aus dem Nahen Osten zu vertreiben, reiche eine einzelne Militäraktion aber nicht aus. Das Staatsfernsehen meldete, 80 „amerikanische Terroristen“ seien ums Leben gekommen, zudem hätten die iranischen Raketen modernes US-Kriegsgerät wie Hubschrauber außer Gefecht gesetzt. Der Bericht war offenbar als Propagandameldung für das heimische Publikum gedacht.

Experten werten die Vorgehensweise der Iraner als Versuch der Deeskalation. Die Angriffe waren demnach vor allem als symbolische Vergeltung gedacht und weniger als Versuch, Schaden anzurichten. Teheran biete Trump gewissermaßen eine „Autobahnausfahrt“ an, um den Konflikt zu entschärfen, kommentierte Tobias Schneider von der Denkfabrik GPPI in Berlin.

Offenbar nimmt Trump diese Ausfahrt. Iran scheine einzulenken, und das sei eine gute Nachricht für die ganze Welt, sagte er in Washington. Die USA seien dennoch auf alles vorbereitet und würden Teheran am Bau einer Atomwaffe hindern. Der Präsident kündigte zusätzliche Wirtschaftssanktionen gegen Teheran an. China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Russland rief er auf, den Atomvertrag mit Iran aufzukündigen, wie er es getan hatte, um einen „neuen Deal“ mit Teheran auszuhandeln.

Doch selbst wenn Iraner und Amerikaner nach den Raketenangriffen die Spirale von Gewalt und Gegengewalt anhalten können, könnte dies nur eine Atempause sein. Ihren Konflikt hätten sie damit nicht beigelegt. Trump will Iran mit Wirtschaftssanktionen zu weitgehenden Zugeständnissen in der Atomfrage und zu einem Ende der aggressiven Politik im Nahen Osten zwingen. Dagegen strebt Iran den Abzug der USA aus der Region an und nimmt die sunnitische Führungsmacht Saudi-Arabien sowie Israel ins Visier.

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