Unterschätze Gefahr aus dem Netz

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Batteriespeicher im Kraftwerk: Theoretisch kann alles, was digital gesteuert wird, auch von Hackern angegriffen werden
Batteriespeicher im Kraftwerk: Theoretisch kann alles, was digital gesteuert wird, auch von Hackern angegriffen werden (Foto: dpa)

Wenn im Stromnetz digitale Helferlein dafür sorgen, Angebot und Nachfrage möglichst intelligent zu steuern. Wenn im Auto künftig der stets ausgeschlafene Computer das Fahren übernimmt, dann klingt das durchaus nach einer feinen Sache. Genauso wie die Aussicht, den nicht mehr im Dorf ansässigen Arzt auch online konsultieren zu können. Diese Beispiele zeigen: Die Digitalisierung des Lebens ist schon längst bei den Bürgern angekommen. Aber es gibt eben auch die Schattenseiten der Digitalisierung: die Cyber-Attacken auf Deutsche Bahn, Bundestag und Auswärtiges Amt, der Markt an gezielten Falschnachrichten. Dies belegt, wie verletzbar Staat und Gesellschaft ohne entsprechenden Schutz sind.

Über die Frage, wie gut Deutschland darauf vorbereitet ist, haben Politiker und Experten bei den von Roderich Kiesewetter (CDU) initiierten Königsbronner Gesprächen diskutiert. Ihr Fazit: Es muss noch viel getan werden, es braucht bessere Sicherheitsstrategien, mehr IT-Experten und international anerkannte Normen, damit das Netz nicht zur noch größeren Gefahr wird.

Das Bedrohungspotenzial ist gewaltig – theoretisch kann alles, was digital gesteuert wird, auch von Hackern angegriffen werden: Energie- und Wasserversorger, Flughäfen, Atomkraftwerke. Aber auch der Computer eines Arztes in Baden-Württemberg, der sensible Patientendaten elektronisch gespeichert hat. „Cybersicherheit muss deshalb zum Gemeingut werden“, sagt der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) am Samstag in Königsbronn. „Jeder muss bei dieser gesamtgesellschaftlichen Herausforderung mit anpacken.“ Auch der normale Bürger müsse mehr für seine PC-Sicherheit tun.

Dass der Staat allein nur bedingt dafür sorgen kann, die Angriffe aus dem Netz unschädlich zu machen, hat auch mit Personalmangel zu tun. Laut einer Analyse der Stiftung Neue Verantwortung sucht das Landeskriminalamt in Baden-Württemberg bis zu 140 IT-Spezialisten, das Landesamt für Verfassungsschutz 200 bis 300 Experten. Aber selbst in der Wirtschaft, die sehr viel mehr Geld für IT-Fachkräfte in die Hand nehmen kann, können Tausende Stellen nicht besetzt werden.

Auch das wurde in Königsbronn klar: Cybersicherheit ist ein Thema, das ressort- und länderübergreifend gedacht werden muss. Sowohl Strobl als auch die Vertreter der Bundeswehr sprachen sich für eine bessere Kooperation von Bund und Ländern, sowie von Polizei und Bundeswehr aus. „Wenn es zu einem Vorfall kommt, müssen Bundeswehr, Polizei und Katastrophenschutz Hand in Hand arbeiten“, sagte Oberst Christian Walking, Kommandeur Landeskommando Baden-Württemberg. Und dies müsse, wie im Südwesten 2017 bereits geschehen, geübt werden – auch um die Kommunikationswege zu verkürzen.

Kritik vom Experten

Dass sich die Staaten auf international gültige Regeln einigen, um die Cyberbedrohung nicht weiter anzuheizen, ist nicht so schnell zu erwarten. Die Normensetzung unter Federführung der Vereinten Nationen sei „an die Wand gefahren“, weil sich die Regierungen zu nichts verpflichten wollten, sagte der Cybersicherheitsexperte Sandro Gaycken, der unter anderem die Bundesregierung berät. Man habe sich nicht einmal darauf verständigen können, dass Atomkraftwerke keine Ziele von Cyber-Attacken sein dürften.

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