TV-Duell: Schlammschlacht um das Weiße Haus

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 Fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl in den USA hat die mit Spannung erwartete erste TV-Debatte zwischen Amtsinhaber Trump
Fünf Wochen vor der Präsidentschaftswahl in den USA hat die mit Spannung erwartete erste TV-Debatte zwischen Amtsinhaber Trump und seinem Herausforderer Biden stattgefunden – und viele Beobachter enttäuscht. (Foto: Julio Cortez/dpa)
Frank Hermann

Am Tag nach dem Debatten-Desaster hagelt es Kommentare, und alle sind pointiert. Selbst republikanische Parteifreunde üben Kritik an einem Präsidenten, der auf der Fernsehbühne sämtliche Anstandsregeln missachtet hat. Donald Trump habe zu aggressiv gewirkt, wie ein Hitzkopf, rügt sogar Chris Christie, der ehemalige Gouverneur New Jerseys, der als Sparringspartner mit seinem alten Freund für den Auftritt geübt hatte. Sarah Sanders, einst Sprecherin des Weißen Hauses, empfiehlt ihrem früheren Vorgesetzten, es bei der nächsten Diskussion, in gut zwei Wochen in Miami, zur Abwechslung mit Humor zu versuchen. Nancy Pelosi, die Vorsitzende des Abgeordnetenhauses, geht dagegen so weit, am Sinn eines nächsten Streitgesprächs zu zweifeln. Im Grunde, sagt sie, dürfte sich niemand dafür hergeben, mit Trump auf einer Bühne zu stehen.

Vom Start weg blies der Amtsinhaber zur Attacke gegen einen Herausforderer, den er in Verlegenheit zu stürzen versuchte. Biden neigt dazu, den Faden zu verlieren, sobald er unter Druck kommt. Also versucht Trump, ihn aus dem Konzept zu bringen, einen Aussetzer zu provozieren, indem er ihn ständig unterbricht. „Sleepy Joe“, behauptet er seit Monaten, sei zu tattrig, als dass man ihm die Staatsgeschäfte anvertrauen könnte. Die Art, ihm alle paar Sekunden ins Wort zu fallen, behält er über neunzig Minuten bei, bis der völlig überforderte Moderator den Schlusspunkt setzt.

„Leute, habt ihr eine Ahnung, was dieser Clown macht?“, fragt Biden, schon nach wenigen Minuten sichtlich genervt, nachdem er seinen Satz nicht zu Ende bringen kann. „Können Sie mal den Mund halten, Mann.“ „Sie sind der schlechteste Präsident, den Amerika je hatte.“ Worauf Trump seinen Rivalen, der 1973 zum ersten Mal in den US-Senat einzog, einmal mehr zum klassischen Vertreter einer politischen Klasse stempelt, die in seiner Skizze nur redet, statt zu handeln. „In 47 Monaten habe ich mehr getan als Sie in 47 Jahren“, sagt der Milliardär, der seit gut dreieinhalb Jahren im Weißen Haus residiert.

Mit welchen Programmen ein Präsident Trump beziehungsweise ein Präsident Biden die nächsten vier Jahre angehen würde, darüber erfährt das Publikum so gut wie nichts. Geht es einmal um Inhaltliches, wird Altbekanntes wiederholt. Trump findet es mit Blick auf die aktuellen Machtverhältnisse völlig in Ordnung, die vakante Stelle am Supreme Court im Schnellverfahren mit der Juristin Amy Coney Barrett zu besetzen, während Biden erneut fordert, das Ergebnis des Votums am 3. November abzuwarten, bevor über eine Richterin entschieden wird, deren Berufung auf Lebenszeit gilt. Als Biden davor warnt, mit einer klaren konservativen Mehrheit könnte der Oberste Gerichtshof das seit 1973 landesweit geltende Recht auf Abtreibung kippen, weist Trump ihn zurecht wie einen vorlauten Angestellten: „Das können Sie gar nicht wissen“. Was immer Trump bisher gesagt habe, sei eine Lüge, keilt Biden zurück. „Jeder weiß, dass er ein Lügner ist.“ In dem Stil geht es weiter, egal, welches Thema der Moderator anschneidet. Chris Wallace gilt als unabhängigster Kopf des ansonsten eindeutig konservativen Senders Fox News. Er ist bekannt für kritisches Nachhaken und eine souveräne Gesprächsführung. Normalerweise lässt er sich das Zepter nicht so schnell aus der Hand nehmen, doch in Cleveland wirkt er so hilflos wie ein Lehrer, dessen Schüler im Klassenzimmer außer Rand und Band geraten sind. Für den Umgang mit der Pandemie, der in den USA bisher über 200 000 Menschen zum Opfer fielen, gibt sich Trump, was er häufig tut, Bestnoten. Biden hält ihm vor, zum einen nie einen Plan gehabt und zum anderen die Gefahr wochenlang, wider besseres Wissen, heruntergespielt zu haben. „Vielleicht können Sie sich ja Bleichmittel in die Venen spritzen, damit wäre die Sache erledigt“, bemerkt er sarkastisch, an seine Landsleute an den Bildschirmen gewandt. Das mit der Bleiche hatte der Präsident im April tatsächlich ins Spiel gebracht. Als sein Kontrahent ihm ankreidet, in der Krise alles andere als klug gehandelt zu haben, wird er einmal mehr persönlich. Das Wort „klug“ aus Bidens Mund verbitte er sich, der Mann habe an der Uni zu den Schlechtesten seines Jahrgangs gehört, „nichts an Ihnen ist schlau“.

Auf einen Bericht der „New York Times“ angesprochen, wonach er 2016 und 2017 jeweils nur 750 Dollar an Bundes-Einkommensteuer zahlte, erwidert Trump ausweichend, er zahle Millionen an Einkommensteuern. Wieder wirft er Biden vor, sich der „radikalen Linken“ in seiner Partei zu unterwerfen. Wieder porträtiert er den Rivalen als Geisel von „Sozialisten“, die Amerika ins Chaos abdriften ließen, während er, Donald Trump, für Recht und Ordnung sorge. Wieder malt er seine – durch bisherige Erfahrung widerlegte – These, wonach bei Briefwahlen massiv manipuliert werde, in düsteren Farben aus. „Es wird Fälschungen geben, wie wir sie noch nie erlebt haben.“ Womöglich wisse man noch Monate nach dem Votum nicht, wer gewonnen habe, weil von irgendwoher, etwa aus Papiertonnen, immer neue Stimmzettel auftauchten.

Der Tiefpunkt: Als Wallace beide auffordert, weißen Überlegenheitsdünkel zu verurteilen. „Nennen Sie einen Namen. Sagen Sie mir, wen ich verurteilen soll“, kontert Trump. „Die Proud Boys“, wirft Biden in die Runde. Er meint eine rechtsradikale Miliz, die neulich in Portland im Pazifikstaat Oregon Zusammenstöße mit linken Demonstranten provozierte. „Die Proud Boys – haltet Abstand und steht bereit“, spinnt der Präsident den Faden weiter, einmal mehr nicht bereit, auf Distanz zu Fanatikern zu gehen. „Aber ich sage Ihnen was, jemand muss was tun wegen Antifa und der Linken.“ Es klingt, als rede er einen Bürgerkrieg förmlich herbei.

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