Trumps gefährliche Märchenstunde

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Die Farce von Cleveland
Die Farce von Cleveland
FrankHerrmann

Seit vor sechzig Jahren John F. Kennedy und Richard Nixon den Anfang machten, gehören Präsidentschaftsdebatten zu amerikanischen Wahlkämpfen wie das Weiße Haus zur Pennsylvania Avenue. Längst nicht alle waren so packend, so aufschlussreich, dass es den Hype, der jeder einzelnen vorausging, gerechtfertigt hätte. An die Grundregeln der Etikette indes haben sich die Duellanten noch immer gehalten. Bis Donald Trump kam.

Schon vor vier Jahren versuchte er seine Kontrahentin Hillary Clinton aus dem Konzept zu bringen, indem er ihr ständig ins Wort fiel. Nun wiederholt er es, weil er hofft, Joe Biden durch permanente Zwischenrufe aus dem Gleis zu werfen und den 77-Jährigen als stotternden Tattergreis zu porträtieren. Wer gehofft hatte, doch noch einen reiferen, irgendwie präsidial wirkenden Donald Trump zu erleben, musste sich nun von allen Illusionen verabschieden.

Es kam noch schlimmer, als selbst die pessimistischsten Pessimisten erwartet hatten. Mit der Farce von Cleveland ist der absolute Tiefpunkt der Debattengeschichte erreicht. Gewiss, dass es eine Schlammschlacht werden würde, war vorher klar. Und der gereizte Ton, den beide Protagonisten anschlagen, spiegelt im Grunde nur wider, wie unüberbrückbar die tiefen politischen Gräben sind.

Das Entscheidende ist: Der Amtsinhaber hat eine Schwelle überschritten, die zu überschreiten keiner seiner Vorgänger auch nur ansatzweise wagte. Er weigert sich hartnäckig, das Ergebnis des Votums anzuerkennen, ohne dies an Bedingungen zu knüpfen. Damit stellt er den friedlichen Übergang der Macht infrage. Dass beim Briefwählen massiv betrogen wird, wie Trump behauptet, ist eine Erzählung fürs Märchenbuch. Dass er dies dennoch immer wieder sagt, schürt einen Verdacht: Liegt Trump in der Wahlnacht vorn, könnte er sich zum Sieger ausrufen, ohne die Auszählung von Millionen Briefwählerstimmen abzuwarten. Wohin dies führen würde, ob zu wochenlangen Irritationen oder aber zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen, vermag niemand seriös zu beurteilen.

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