Traumaspezialist Kizilhan: Darum ist der Nobelpreis für Murad das richtige Zeichen

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 Jan Ilhan Kizilhan
Jan Ilhan Kizilhan (Foto: Stefanie Järkel)
Schwäbische Zeitung

Der Psychologe und Traumaspezialist Jan Ilhan Kizilhan (Foto: Stefanie Järkel) von der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen sieht im Friedensnobelpreis für Nadia Murad ein wichtiges Signal für alle Jesiden. Kizilhan begleitet Murad seit 2015 intensiv: therapeutisch und persönlich. Im Gespräch mit Ludger Möllers sagt Kizilhan, der auch bei der Weihnachtsaktion „Spenden bringt Freude“ der „Schwäbischen Zeitung“ mitarbeitet, der Preis ermutige alle Initiativen, sich im Kampf gegen Terror und für Menschenrechte verstärkt einzusetzen.

Herr Professor, wie entstand Ihre Bekanntschaft mit der neuen Friedensnobelpreisträgerin?

Ich habe Nadia Murad 2015 kennengelernt, als sie zusammengekrümmt in einem Zelt lag. Ich habe sie dann ärztlich betreut, nachdem sie eine dreimonatige Gefangenschaft der Terrormiliz „Islamischer Staat“ überlebt hatte. Die junge Frau wurde als Sexsklavin gehalten, misshandelt, vergewaltigt und versklavt.

Können Sie uns über ihre Herkunft berichten?

Sie stammt aus einfachen Verhältnissen und kommt aus einem Dorf im Sindschargebirge, das durch den IS zerstört wurde. Sechs Brüder und ihre Mutter wurden von der IS-Miliz getötet. Ihr selbst gelang nach drei Monaten mithilfe einer Nachbarfamilie die Flucht.

Und wie kam Nadia Murad nach Deutschland?

Sie ist mit dem Jesiden-Kontingent nach Deutschland gekommen: Rund 1000 Jesidinnen aus dem Nordirak fanden durch ein Hilfsangebot der Landesregierung Baden-Württembergs Schutz. Daher ist der Nobelpreis eine großartige Anerkennung auch an die Landesregierung in Baden-Württemberg, die es ermöglicht hat, dass Nadia Murad diese Entwicklung machen konnte.

Nun hat das Nobelkomitee die internationale Arbeit Murads gewürdigt. Wie kam es dazu?

Ich bin als Gutachter für die Vereinten Nationen tätig. Ich habe Nadia Murad 2015 den UN vorgeschlagen für eine Rede: Diese hat die Verantwortlichen so beeindruckt, dass Nadia Murad Sonderbotschafterin geworden ist. Sie engagiert sich für die Würde der Überlebenden von Menschenhandel. Sie ist eine großartige Frau, die wie keine andere das jesidische Volk repräsentiert.

Was bedeutet der Preis für Frau Murad?

Ich hoffe, dass der Preis auch einen stabilisierenden psychischen Effekt für Nadia Murad und andere von sexueller Gewalt betroffene Frauen hat. Der Preis zeigt, dass die Welt sie gehört hat. Denn diese Auszeichnung ist sicher auch Anerkennung, dass dieser Völkermord an den Jesiden passiert ist, und stellt auch so was wie Gerechtigkeit dar.

Welche Bedeutung für die Jesiden hat der Nobelpreis?

Der Nobelpreis steht als Zeichen für den Kampf gegen den Terror. Er ist eine Würdigung für alle Frauen, die durch die Hölle gegangen sind. Ich hoffe, dass durch den Nobelpreis nun das Licht der Weltöffentlichkeit auf die Situation der Frauen im Nordirak fällt. Der Friedensnobelpreis zeigt, dass alle, die sich dort engagieren, auf dem richtigen Weg sind: Daher ist die Weihnachtsspendenaktion der „Schwäbischen Zeitung“ ein toller Beitrag, das Engagement der Friedensnobelpreisträgerin in konkrete Hilfe vor Ort umzusetzen.

Und wie werden Sie den Preis verarbeiten?

Ich werde Nadia Murad helfen, sich in der neuen Situation psychisch zu stabilisieren.

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