Türkei greift immer stärker in den Libyen-Konflikt ein

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 Truppenmitglieder der Regierung in Tripolis beobachten aus der Ferne Gefechte mit Truppen von General Haftar.
Truppenmitglieder der Regierung in Tripolis beobachten aus der Ferne Gefechte mit Truppen von General Haftar. (Foto: DPA)
Thomas Seibert

Das NATO-Mitglied Türkei engagiert sich immer stärker in dem Konflikt im nordafrikanischen Bürgerkriegsland Libyen. Mit der Androhung von Militärschlägen gegen die Truppen des Rebellenkommandeurs Khalifa Haftar erreichte Ankara am Montag die Freilassung von sechs türkischen Staatsbürgern in Libyen. Haftar hatte die Türkei zuvor zum Feind erklärt. Er macht Ankara für eine schwere Niederlage seiner Libyschen Nationalen Armee (LNA) im Kampf mit der international anerkannten Regierung um die Hauptstadt Tripoli verantwortlich. Die Flüchtlinge, die in libyschen Auffanglagern in der Nähe der Kämpfe festgehalten werden, geraten zwischen die Fronten.

Haftars Truppen hatten im April mit einem Angriff auf Tripoli begonnen. Der LNA-Chef wollte mit der Hauptstadt die Macht im ganzen Land übernehmen, das zwischen der UN-gestützten Regierung in Tripoli und einer Gegenregierung im Osten Libyens gespalten ist. Der Vormarsch blieb jedoch in den Vororten von Tripoli stecken, weil sich eine Reihe von Milizen den LNA-Truppen entgegen stellten.

Der Konflikt ist zu einem Stellvertreterkrieg rivalisierender Regionalmächte in dem ölreichen Land geworden; Libyen ist seit dem Sturz von Diktator Muammar Gaddafi vor acht Jahren ohne landesweit anerkannte Regierung. Während Haftar von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), Ägypten und Saudi-Arabien unterstützt wird, stärken die Türkei und Katar verschiedenen Milizen den Rücken, die für die Tripoli-Regierung und gegen Haftar kämpfen.

UN-Waffenembargo ignoriert

Beide Seiten ignorieren das UN-Waffenembargo für Libyen, wie sich vor wenigen Tagen besonders deutlich zeigte. Bei einem Gegenangriff rund 90 Kilometer südlich von Tripoli nahmen Haftars Gegner die Stadt Gharyan ein, die der LNA als Hauptquartier und als Nachschubbasis diente. Bei der Flucht aus Gharyan mussten die LNA-Einheiten viele Waffen zurücklassen – was eindeutige Beweise für die militärische Unterstützung aus dem Ausland als Tageslicht brachte.

In Gharyan wurden unter anderem moderne amerikanische Panzerabwehr-Raketen aus VAE-Beständen entdeckt. Chinesische Waffen sowie Drohnen seien ebenfalls sichergestellt worden, teilten die regierungstreuen Kampfverbände der „New York Times“ mit. Politisch heikel sind besonders die US-Raketen. Sie waren unter der Bedingung an die VAE geliefert worden, dass sie nicht an Dritte weitergegeben werden.

Auch die militärische Verwicklung der Türkei in den Konflikt könnte Folgen haben. Nach der Niederlage in Gharyan drohte Haftar mit Angriffen auf türkische Flugzeuge und Schiffe.

Erst vor zwei Wochen hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bestätigt, dass sein Land die Regierungsseite in Libyen mit Rüstungsgütern unterstützt. Dazu gehören gepanzerte Fahrzeuge und Drohnen.

Haftars LNA zufolge greift die Türkei mit Soldaten, Flugzeugen und Schiffen auch direkt in den Konflikt ein. Die Türken hätten den LNA-Feinden beim Gegenangriff auf Gharyan mit Artilleriefeuer und Luftunterstützung geholfen, erklärte Haftars Truppe. Deshalb seien türkische Schiffe und Flugzeuge ab sofort „legitime Ziele“. Medienberichten zufolge umfliegen Maschinen der türkischen Fluggesellschaft Turkish Airlines seit dem Wochenende den libyschen Luftraum.

Türkische Gefangene wieder frei

Erdogan betonte mit Blick auf Haftars Drohungen, sein Land werde notfalls „noch ganz anders“ reagieren. Ankara drohte wegen der Festnahme von sechs Türken durch Haftars Truppen mit Angriffen auf die LNA. Am Montag erklärte das türkische Außenministerium, die Gefangenen seien wieder frei.

In Gharyan und im benachbarten Zintan sind mehr als 600 Flüchtlinge interniert, die über Libyen nach Europa gelangen wollten. Was aus den schutzlosen Menschen werden solle, wisse niemand, kritisierte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF). Flüchtlinge in Gharyan berichteten der Nachrichtenagentur AP, in dem dortigen Lager gingen Wasser und Nahrung zur Neige. Die Flüchtlinge seien von den regierungstreuen Milizen nach der Eroberung der Stadt bedrängt worden.

MSF wirft den europäischen Staaten eine Mitschuld am Schicksal der Flüchtlinge vor. Europa schicke die Menschen nach Libyen zurück, obwohl bekannt sei, was sie in dem Bürgerkriegsland erwarte.

Landesweit sitzen laut MSF knapp 6000 Flüchtlinge in Libyen in Internierungslagern fest. Insgesamt hoffen rund 700 000 Flüchtlinge, die vorwiegend aus anderen afrikanischen Ländern kommen, in Libyen auf die Weiterfahrt Richtung Europa.

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