Tödlicher Terror im Namen der Religion? Hier besteht ein Missverständnis

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Beim Bodensee Business Forum wird die Frage Wie tolerant sind die Weltreligionen? diskutiert.
Beim Bodensee Business Forum wird die Frage "Wie tolerant sind die Weltreligionen?" diskutiert. (Foto: Daniel Drescher / SZ)

Eine Diskussionsrunde beim Bodensee Business Forum zum Thema "Wie tolerant sind die Weltreligionen?" führt zu unmissverständlichen Antworten.

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Extremistische Menschen nutzen die Religionen aus.

Shneur Trebnik, Ortsrabbiner in Ulm

Wie viel haben blutige Terroranschläge tatsächlich mit Religion zu tun? Denkbar wenig, betonte Shneur Trebnik, Ortsrabbiner in Ulm, der auf dem BBF-Forum sagte: "Extremistische Menschen nutzen die Religionen aus. Religionen sind ihnen nur eine Ausrede, um ihre Taten zu verüben."

Islamwissenschaftler: "Wir Menschen sind zu Schrecklichem fähig"

Genauso sieht es der Islamwissenschaftler und Autor Muhammad Sameer Murtaza: Der Mensch sei ambivalent, also vielschichtig und widersprüchlich. Deshalb gelte, ob im Säkularen oder im Religiösen: "Wir Menschen sind zu Schrecklichem fähig."

In dieser  Ambivalenz spiegele sich, ob jemand seine Religiosität in eine destruktive oder in eine konstruktive Spiritualität umsetze.

Auch Pater Nikodemus Schnabel, Ordensgeistlicher und Pressesprecher der Dormitio-Abtei Jerusalem, wehrt sich gegen das "Bashing der Religionen", wie er es nennt.

Um den ebenso plakativen wie provokanten Satz in den Raum zu stellen: "Das Schlimmste ist der Fußball!" Weil es dabei zu Ausschreitungen, Gewalt und Korruption kommt. "Fußball hat ein Hooliganproblem", sagt Nikodemus. "Deshalb sollten wir Fußball verbieten."

Religionshools missbrauchen die Religionen für ihre billige Identitätssuche.

Pater Nikodemus Schnabel

Was der Pfarrer selbstredend nicht ernst meint. Müsste man dann auch die Religionen verbieten, die unter ähnlichen Problemen litten: "Religionshools missbrauchen die Religionen für ihre billige Identitätssuche."

Die Glaubensrichtungen deshalb zu dämonisieren, wäre genauso falsch wie einen Fußballverein zu verdammen, der unter einer kleinen Gruppe von gewalttätigen Anhängern leidet.

Doch was können Religionen gegen Gewalt, gegen den Missbrauch einer friedlichen Idee tun? "Wir bringen in unserer Arbeit eine große Offenheit ein", sagt die evangelische Pastorin Hanna Jacob, die in Essen das Pionierprojekt "Raumschiff Ruhr" leitet.

"Es bringt schon sehr viel, wenn man gemeinsam isst, an einem Tisch sitzt", sagt Jakob, die das Gemeinsame betont, um Grenzen zu überwinden: "Wir müssen in Kontakt und Austausch kommen."

Der Destruktivität des Menschen Einhalt gebieten

Und dabei möglicherweise die Kraft der Nächstenliebe entdecken, auf die Muhammad Sameer Murtaza setzt: "Nächstenliebe erfordert Widerstandskraft, Tapferkeit und Beharrlichkeit, gerade wenn die Würde des Menschen angegriffen wird."

Wenn es darum geht, der Destruktivität des Menschen Einhalt zu gebieten. Auf diese Weise könne jeder Gläubige im Privaten etwas tun, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. "Und sei es nur von dem Gewicht eines Senfkorns", so Murtaza.

Rabbiner Shneur Trebnik wäre für den Anfang schon mit weniger zufrieden: "Wir sollten unseren Nächsten nicht hassen." Nicht mit dem Nachbarn um Nichtigkeiten streiten, ihm seine Ansichten, seine Sprache, sein Leben lassen. "Lassen Sie dem Nachbarn sein Privates", appelliert Trebnik. "Das ist machbar."

Im Kleinen, wie im Großem. "Keine Religion macht an den Landesgrenzen halt",  wie Pater Nikodemus Schnabel sagt. Damit seien sie ein wirksames Mittel nicht zuletzt gegen den grassierenden Nationalismus, mit zunehmendem Einfluss.

Denn 85 Prozent der Menschheit sei religiös, Tendenz steigend, so der Pater, der einen Umstand betont, der hierzulande oft vergessen wird: "Religion ist weltweit ein wachsendes Phänomen."

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