Sucht am Arbeitsplatz kostet Unternehmen Milliarden

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 Jeder zehnte Erwachsene trinkt in Deutschland in riskantem Ausmaß Alkohol.  Foto: dpa
Jeder zehnte Erwachsene trinkt in Deutschland in riskantem Ausmaß Alkohol. (Foto: dpa)

Tabak, Alkohol, Computerspiele – all diese Laster wirken sich auch auf den Arbeitsplatz aus. Eine Studie der DAK zeigt, dass der Krankenstand bei Süchtigen doppelt so hoch ist wie bei anderen Beschäftigten. Laut der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, fallen 56 Milliarden Euro für die Raucher an und die gleiche Summe noch einmal für Alkoholkranke. Die wichtigsten Antworten zur Studie im Überblick.

Was heißt Sucht 4.0?

Sucht ist ein gut untersuchtes und bekanntes Thema – nicht aber, wie sich die Sucht auf den Arbeitsplatz auswirkt. Zu Rauchern und Trinkern kommt als neues Problem für Firmen und Mitarbeiter die Computerspielsucht hinzu.

Wer gilt als suchtkrank?

Es gibt sechs Kriterien. Eine Abhängigkeit liegt vor, wenn drei davon erfüllt sind: 1. Der starke Wunsch oder Zwang, zu konsumieren. 2. Der Kontrollverlust, Betroffene können Beginn, Ende und/oder die Menge des Konsums nicht kontrollieren. 3. Entzugserscheinungen, wenn der Konsum reduziert oder beendet wird. 4. Steigerung: Es sind zunehmend höhere Dosen nötig. 5. Einengung: Andere Aktivitäten und Verpflichtungen werden vernachlässigt. 6. Der Konsum wird trotz körperlicher, psychischer und/oder sozialer Schäden fortgesetzt.

Wie viele sind abhängig?

Insgesamt gibt es laut DAK-Studie unter den Erwerbstätigen 6,5 Millionen Raucher, 400 000 sind computerspielsüchtig und 160 000 sind alkoholabhängig. Es gibt aber auch riskantes Verhalten, ohne dass schon eine Sucht vorliegt. Die AOK bietet mit einem kostenlosen Onlineprogramm „Vorvida“ Hilfe an. Mit diesem Programm soll riskantes Trinkverhalten um bis zu 75 Prozent vermindert werden.

Wann beginnt das Risiko?

Jeder zehnte Erwerbstätige trinkt riskant Alkohol. Das sind vier Millionen Menschen. Als riskanter Konsum gilt es, wenn ein Mann täglich mehr als zwei Gläser Bier (à 0,3 Liter) trinkt, ohne zweimal in der Woche zu pausieren. Bei Frauen liegt die Schwelle schon bei einem Bierchen.

Wie oft werden Menschen krank durch Alkohol?

Ganz genau lässt sich das schlecht sagen, weil kaum ein Patient zum Arzt sagt: „Ich kann nicht mehr, weil ich zu viel getrunken habe“. Suchtprobleme sind häufig verborgen. Deshalb ist man auf Schätzungen angewiesen. Pro 100 Fehltage bei Versicherten spielt der Alkohol mit 6,8 Fehltagen die größte Rolle. Der Krankenstand von Suchtkranken ist mit 7,6 Prozent doppelt so hoch wie der ihrer Kollegen ohne Suchtkrankheit. Suchtkranke fehlen auch öfter wegen Rückenschmerzen oder Grippe als andere.

Wer trinkt am meisten?

Junge Arbeitnehmer fehlen häufiger, aber nur kurz, wegen Suchterscheinungen. Bis ins Alter von 59 Jahren steigt die Zahl der Fehltage wegen solcher Symptome, danach nimmt sie ab. Die schlichte Begründung: Mit 60 sind Süchtige aus dem Berufsleben in der Regel längst ausgeschieden, so die DAK-Experten.

Wie sieht es bei Rauchern aus?

Erst einmal die gute Nachricht: Immer weniger Jugendliche rauchen. Für DAK-Chef Andreas Storm ist das der Beweis, dass Prävention sich lohnt. 1997 rauchte noch die Hälfte der Jugendlichen, bis 2007 gab es nur einen leichten Rückgang. Doch mit dem Nichtraucherschutzgesetz ist der Anteil der 18 bis 25- jährigen Raucher dann von 50 auf 30 Prozent gesunken.

Was ist mit Computerspielen?

Jeder zweite Erwerbstätige spielt Computerspiele, 6,5 Millionen in riskantem Ausmaß. Das heißt, jeder vierte von ihnen spielt auch während seiner Arbeitszeit. Vor allem junge Männer zwischen 18 und 29 sind riskante Computerspieler.

Und E-Zigaretten?

Die DAK und auch die Drogenbeauftragte fordern ein „umfassendes Werbeverbot für Tabak und E-Zigaretten.“ In der Regel allerdings werden E-Zigaretten von Rauchern genossen, die nicht zu viel Gestank verbreiten wollen oder sollen und nicht als Einstiegsdroge. Doch es gibt in den USA eine nikotinhaltige E-Zigarette (Juul), deren Aufmachung laut Hans-Dieter Nolting vom Iges-Institut „junge Leute anturnt“ – und Sucht erzeugt.

Was sollen Unternehmen tun?

„Ich wünsche mir, dass Unternehmen erkennen, dass Suchtprävention auch ihr Thema ist“, sagt die Drogenbeauftragte Marlene Mortler. Alleine Rauchen koste deutsche Unternehmen 56 Milliarden Euro im Jahr, 45 Prozent rauchten auch während ihrer Arbeitszeit. Drei Viertel aller psychisch bedingten Fehltage gehen auf das Konto von Alkoholmissbrauch.

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