Studie zeigt große Lücke bei künftigen Rentnern

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 Rentner der Zukunft müssen sich auf sinkenden Lebensstandard im Ruhestand einstellen. Mehr als der Hälfte der 55- bis 64-jähri
Rentner der Zukunft müssen sich auf sinkenden Lebensstandard im Ruhestand einstellen. Mehr als der Hälfte der 55- bis 64-jährigen Erwerbstätigen können mit ihren derzeitigen Rentenanwartschaften ihren aktuellen Konsum nicht vollständig decken. (Foto: dpa)
Petra Sorge

Sie werden ihren gewohnten Lebensstandard nicht vollständig halten können: Millionen ältere Erwerbstätige werden sich im Rentenalter deutlich einschränken müssen, zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Was kommt auf die künftigen Ruheständler zu? Die Fakten zur Renten-Prognose:

Enorme Versorgungslücke: 58 Prozent der 55- bis 64-Jährigen könnten ihren aktuellen Konsum nicht decken, wenn sie jetzt in Ruhestand gingen. Dafür reichten die Anwartschaften aus der gesetzlichen Rentenversicherung, der Betriebsvorsorge oder aus Beamtenpensionen schlicht nicht aus, hat das DIW errechnet. Den Betroffenen fehlen im Vergleich zum letzten Einkommen durchschnittlich 700 Euro monatlich. Denjenigen, die nur auf die Gesetzliche Rentenversicherung setzen, fehlten sogar rund 740 Euro. Die Studie, die von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung finanziert wurde, geht dabei von einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Konsum von 1370 Euro monatlich aus. Zwar fallen im Alter viele Kosten wie etwa für das berufliche Pendeln weg. Dafür steigen die Ausgaben für Gesundheit und Pflege.

Die größten Rentenverlierer: Besonders groß sind die Einschnitte laut der Studie für Singles, Frauen, ungelernte Beschäftigte und Selbstständige. Besser stehen die Beamten da, die im Schnitt höhere Pensionen beziehen. Nur 13 Prozent droht eine Versorgungslücke.

Einfluss der private Altersvorsorge: Mehr als 16 Millionen Deutsche zahlen in die staatlich geförderte Riester-Rente ein, in verschiedene Anlageformen von Aktien bis Immobilien. Doch nach den DIW-Berechnungen helfen auch die privaten Vorsorgeformen nicht wirklich weiter. Die Riester- und Rürup-Renten senken den Anteil der Menschen mit einer Versorgungslücke lediglich um zwei Prozentpunkte. Die Versorgungslücke beträgt dann noch immer 650 Euro im Monat. Die Relevanz dieser Versicherungen sei also „nicht nennenswert“, urteilt Studienautor Timm Bönke. Der Grund: Zu geringe Beiträge, zu niedrige Zinsen, winzige Renditen. Dabei haben die meisten 55- bis 64-Jährigen ihre Versicherung noch in Zeiten hoher Verzinsung abgeschlossen, sagt Bönke. „Für die späteren Kohorten sind die Aussichten schlechter.“ Laut einer Berechnung des Freiburger Rentenforschers Bernd Raffelhüschen im Auftrag von Union Investment vom vergangenen Oktober wird bei den Jüngeren die Kluft noch größer: Während ältere Erwerbstätige aus der Gesetzlichen Rente noch zwei Drittel ihres letzten Bruttoeinkommens bekommen, bleiben den 20- bis 34-Jährigen nur 39 Prozent. „Erst die private Vorsorge sichert den Lebensstandard“, glaubt Raffelhüschen.

Einfluss privater Vermögen: Erst, wenn die Menschen ihr privates Vermögen einsetzen, verbessert sich die Lage im Alter. Doch die Ersparnisse sind in den Altersstufen 55 bis 64 höchst unterschiedlich verteilt: Die oberen zehn Prozent haben rund 423 000 Euro, die unteren zehn Prozent nur 91 000.

Die Pläne der Regierung: Um die Gesetzliche Rente zu stützen, will die Koalition das Rentenniveau von 48 Prozent bis 2025 sichern. Für die Zeit danach soll eine Rentenkommission weitere Vorschläge ausarbeiten. Ab 2021 fließen zudem jährlich zwei Milliarden Euro in die Rücklage „Demografievorsorge Rente“. Das geht aus dem vorläufigen Bundeshaushalt 2019 hervor. „Klar ist: Die SPD will mehr, um mehr Sicherheit für Jung und Alt zu geben“, sagte die stellvertretende Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsfraktion, Katja Mast, gestern in Berlin. „Deshalb packen wir die Herausforderungen auch in der Arbeits-, Familien- und Wohnungspolitik an.“ Für den Paritätischen Gesamtverband ist das nicht genug. „Was die Bundesregierung da macht, ist weder Fisch noch Fleisch“, sagte Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion.

Die Lösungsvorschläge: Das Rentenniveau müsse auf 53 Prozent erhöht werden und der Mindestlohn auf 12 Euro steigen, forderte Schneider. Denn: „Wer heute Mindestlohn erhält, bekommt morgen kaum mehr Rente als jemand, der nie gearbeitet hat“, sagte Schneider. Die Riester-Rente sei „gescheitert“ und müsse ersatzlos gestrichen werden: „Sie kostet jährlich drei Milliarden Euro an Steuergeldern“, warnte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands. Letzteres empfehlen auch die DIW-Forscher: Die Riester-Zuschüsse sollten beendet und lieber in eine kapitalgedeckte Zusatzrente umgeleitet werden. Die sogenannte „Deutschlandrente“ würde jeden, der nicht über eine ausreichende betriebliche Versicherung verfügt und auch nicht aktiv widerspricht, automatisch in eine staatlich-private Altersvorsorge einbeziehen.

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