Steinmeier bittet in Italien um Vergebung für SS-Massaker

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 Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella gedenken in Fivizzano der Opfer
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella gedenken in Fivizzano der Opfer eines Massakers durch deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg. (Foto: dpa)
Deutsche Presse-Agentur
Ulrich Steinkohl und Lena Klimkeit

Im August 1944 ermordeten deutsche SS-Soldaten in Fivizzano mehr als 400 Zivilisten. 75 Jahre später wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in dem Ort in der Toskana mit Applaus empfangen – er spricht deutliche Worte.

Es ist Sonntag, kurz vor ein Uhr in Fivizzano. Die Piazza Vittorio Emanuele II ist voller Menschen. Auch an den Fenstern und auf den Balkonen der Gebäude rund um den Marktplatz stehen die Einwohner. Dann brandet Beifall auf. Beifall für die Präsidenten Italiens und Deutschlands, Sergio Mattarella und Frank-Walter Steinmeier. Sie sind gekommen, um am Gedenken für ein Verbrechen teilzunehmen: Massaker an der Zivilbevölkerung, „die unsere Erde mit Blut getränkt haben“, wie Bürgermeister Gianluigi Giannetti sagt.

Angehörige von Wehrmacht und Waffen-SS begingen an vielen Orten Italiens Kriegsverbrechen. In Fivizzano ermordeten sie im August 1944 mehr als 400 Dorfbewohner. „Sogar Schwangere und kleine Kinder wurden bestialisch abgeschlachtet“, wie Steinmeier später sagt. 2012 gelangte eine deutsch-italienische Historikerkommission zu der Einschätzung, dass landesweit bis zu 15 000 italienische Zivilisten ermordet wurden.

Es sind Geschichten von unvorstellbarer Grausamkeit, die die wenigen noch lebenden Zeitzeugen und Nachfahren der Opfer in Fivizzano erzählen können. Etwa Roberto Oligeri: Sein Vater besaß damals die einzige Trattoria am Ort und musste den verantwortlichen SS-Sturmbannführer Walter Reder und seine Offiziere bewirten. Die Familie hatte sich versteckt, wurde aber mit anderen Bewohnern des Dorfes aufgespürt. Die Soldaten ließen sich von Reder den Erschießungsbefehl ausstellen und brachten, während dieser noch bei Oligeris Vater zu Mittag aß, dessen Frau und fünf Kinder um.

Das faschistische Italien war zunächst ein Verbündeter Hitler-Deutschlands gewesen. Nach der Landung der Alliierten auf Sizilien und dem Sturz Benito Mussolinis im Juli 1943 schloss die neue Regierung einen Waffenstillstand mit Großbritannien und den USA. Im Oktober 1943 erklärte Italien Deutschland den Krieg. Deutsche Truppen besetzten Italien. Partisanen leisteten Widerstand – die Deutschen rächten sich an der wehrlosen Zivilbevölkerung.

„Sie alle verbinden mit den Geschehnissen von damals unendliches Leid und unendlichen Schmerz“, sagt Steinmeier den Menschen in Fivizzano auf Italienisch – eine besondere Geste. „Sicher empfinden einige von Ihnen das Leid als noch größer, weil die meisten Täter nie zur Rechenschaft gezogen wurden“, ergänzt er und räumt ein: „Deutschland ist damit seiner Verantwortung nicht gerecht geworden.“ Tatsächlich blieben die meisten Beteiligten der Massaker unbestraft. Der für noch weitere Taten verantwortliche Reder wurde zwar von einem italienischen Militärgericht 1951 zu lebenslanger Haft verurteilt, 1985 aber auf Betreiben der Regierung in Wien vorzeitig entlassen und in seine österreichische Heimat abgeschoben. Seine zuvor bekundete Reue widerrief er umgehend.

Steinmeier und Mattarella eint die Überzeugung, dass die Erinnerung an die Gräueltaten wach gehalten werden muss – auch, um die richtigen Lehren für Gegenwart und Zukunft daraus zu ziehen. „Wir dürfen nicht vergessen, damit unser Bewusstsein nicht wieder verführt wird und sich verdunkelt“, sagt Steinmeier. Seine Rede wird immer wieder von Beifall unterbrochen. Auch als er den Bürgern sagt: „Ich bitte Sie um Vergebung für die Verbrechen, die Deutsche hier verübt haben.“

„Italien ist dankbar“

„Darauf haben die Menschen hier schon lange gewartet“, sagt Udo Sürer, der Steinmeier bei seinem Besuch begleitet. Der Lindauer Anwalt ist der Sohn von einem der Täter von damals Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt er sich mit den Massakern von Fivizzano.

Matterella sagt zu Steinmeier: „Italien ist Ihnen dankbar dafür, dass Sie heute hier sind.“ Das auf den Trümmern des Weltkrieges neu errichtete, vereinte Europa gründet aus Sicht Steinmeiers wie Mattarellas auf einem klaren „Nie wieder!“.

„Nie wieder!“ bedeutet für Steinmeier: „Wir müssen streiten für Freiheit und Demokratie, für Menschenrechte und Menschlichkeit, für unser vereintes Europa – heute vielleicht sogar stärker als zuvor.“ Auch für diese Aussage erhielt er langen Beifall.

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