Sprachwissenschaftlerin: „AfD ist im Geiste verwandt mit völkisch-rassistischem Denken“

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Heidrun Kämper
Heidrun Kämper (Foto: Daniel Lukac)
Schwäbische Zeitung

Die AfD lehnt sich in ihrer Sprache stark an Begrifflichkeiten der Nationalsozialisten an. Das sagte Professorin Heidrun Kämper, Leiterin des Arbeitsbereichs Sprachliche Umbrüche an der Universität Mannheim und Mitglied der Auswahlkommission der Friedrich-Ebert-Stiftung, im Gespräch mit Daniel Hadrys.

Frau Kämper, welche Assoziationen weckt das bei Ihnen, wenn AfD-Chef Alexander Gauland davon spricht, das „politische System“ müsse weg?

Da muss man nicht lange nachdenken. Das ist die Parallele zur späten Weimarer Zeit. Die Parallele zur NSDAP und ihren Ausdrücken ist ganz deutlich. Die Nazis haben von der „Systemzeit“ gesprochen in Bezug auf Weimar. Sie meinten damit die parlamentarische Demokratie, die sie abschaffen wollten. Beim Ausdruck „System“ sind wir sofort in der sprachlichen Welt des Nationalsozialismus.

Einigen AfD-Mitgliedern und Abgeordneten wurde vorgeworfen, sie würden sich beim Vokabular des Dritten Reichs bedienen. Wo sehen Sie weitere Parallelen?

Wenn man nur mal in die Bundestagsprotokolle sieht, findet man Begriffe wie „kulturfremde Kostgänger“, „volksfremd“, „Fremdstaatler“ und auf der anderen Seite „Deutschstämmige“. Von „entartet“ ist die Rede. Das sind alles Beispiele aus den Bundestagsdebatten. Außerhalb des Bundestags hat der ehemalige AfD-Landeschef Sachsen-Anhalts, André Poggenburg, den Ausdruck „Wucherung am Volkskörper“ verwendet. Solche biologistischen Reden und diese Krankheitsmetaphorik sind exakt im Nationalsozialismus und in der Weimarer Zeit nachweisbar.

Wie extremistisch ist die Sprache der AfD in Bezug auf andere Volksgruppen?

Die Sprache über andere Volksgruppen ist extrem exkludierend, also ausschließend. Das Schaffen einer sogenannten „Volksgemeinschaft“, wie es die AfD macht und wie es die Nazis gemacht haben, oder einer „Gemeinschaft der Deutschstämmigen“ basiert sprachlich auf der Strategie von Inklusion und Exklusion. So hat das im Nationalsozialismus funktioniert – da waren es die Juden. So funktioniert das heute, und so redet auch die AfD in Bezug auf Migranten und Nichtdeutsche.

Steckt hinter den der Wortwahl der AfD eine Strategie?

Ja, das ist eine Strategie. Aber inzwischen bin ich der Meinung, dass wir das Phänomen verharmlosen. Wäre es nur eine Strategie, könnte man vermuten, dass solche Äußerungen eigentlich nicht so gemeint sind und sie aus rein taktischen Gründen getätigt werden. Die AfD spricht aber nicht aus rein taktischen Gründen so, sondern sie ist im Geiste verwandt mit völkisch-rassistischem Denken.

Beeinflusst die AfD mit ihrer Sprache auch den politischen Diskurs? Bundesinnenminister Horst Seehofer spricht von der „Migration als Mutter aller politischen Probleme“.

Bei der CSU ist es ganz eindeutig so. Das ist fast eine Eins-zu-eins-Übernahme vom Sprechen her. Diese Radikalisierung im sprachlichen Ausdruck greift aber noch viel weiter. Beispielsweise sind in der aktuellen Diskussion über den Braunkohleabbau harte Worte gefallen. Was ist da passiert? Der sprachliche Ausdruck radikalisiert sich und verroht, es gibt teilweise eine komplette Verabschiedung von unserer Kulturtechnik der Höflichkeit.

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