Souad Abderrahim, umstrittene Vorreiterin in der arabischen Welt

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 Souad Abderrahim, Bürgermeisterin von Tunis.
Souad Abderrahim, Bürgermeisterin von Tunis. (Foto: dpa)
Thomas Seibert

Souad Abderrahim strahlte übers ganze Gesicht, streckte die Arme in die Luft und machte mit beiden Händen das Siegeszeichen. Um sie herum feierten islamistische Abgeordnete im Stadtrat der tunesischen Hauptstadt Tunis eine historische Entscheidung: Abderrahim, eine 53-jährige Pharma-Managerin, ist erste gewählte Bürgermeisterin einer arabischen Hauptstadt. Ausgerechnet mit den Stimmen der islamisch-konservativen Partei Ennahdha setzte sich Abderrahim im Stadtrat durch. Aktivisten feiern die Wahl als weiteren Meilenstein für Frauenrechte in der arabischen Welt. Erst vor Kurzem hatte Saudi-Arabien Frauen erstmals das Autofahren erlaubt.

Es gibt nach wie vor relativ wenige Frauen in politischen Spitzenämtern des Nahen Ostens. Kein einziger Nahost-Staat wird von einer Frau geführt. Vor drei Jahren sorgte die Bauingenieurin Zekra Alusch für Schlagzeilen, als sie Bürgermeisterin der irakischen Hauptstadt Bagdad wurde – anders als Abderrahim in Tunis wurde Alusch allerdings nicht gewählt, sondern von Ministerpräsident Haidar al-Abadi eingesetzt.

Abderrahim ist umstritten. Die Managerin, die ihr Haar offen trägt, ist Mitglied des Politbüros der islamistischen Ennahdha. Kritiker werfen ihr vor, sie werde von der Partei eingesetzt, um Modernität und Weltoffenheit vorzutäuschen. Als Verwaltungschefin will sich Abderrahim darum kümmern, die Hauptstadt sauberer und grüner zu machen. Eine Reform der Müllabfuhr steht oben auf ihrer Liste. „Tunesien macht Geschichte“, sagte Abderrahim nach der Wahl.

Wieder einmal, hätte sie hinzufügen können. Im Dezember 2010 hatte in dem kleinen nordafrikanischen Land die Welle von Aufständen begonnen, die im Jahr darauf nach und nach den gesamten Nahen Osten erfasste und als Arabischer Frühling bekannt wurde. Von allen Ländern des Arabischen Frühlings steht Tunesien heute trotz großer wirtschaftlicher Probleme, schwacher demokratischer Institutionen und autokratischer Tendenzen in der Politik am besten da. Thomas Seibert

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