Soldatin musste nackt an Stange tanzen

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Die Missstände in der Pfullendorfer Staufer-Kaserne der Bundeswehr beschäftigen jetzt den Verteidigungsausschuss des Bundestags.
Die Missstände in der Pfullendorfer Staufer-Kaserne der Bundeswehr beschäftigen jetzt den Verteidigungsausschuss des Bundestags. (Foto: dpa)
Chefreporter Ulm und Alb-Donau

Der Skandal im Ausbildungszentrum „Spezielle Operationen“ in der Pfullendorfer Staufer-Kaserne hat offenbar schwerwiegendere Ausmaße als bisher bekannt. In einem Bericht des Verteidigungsministeriums, der am Dienstag den Mitgliedern des Verteidigungsausschusses des Bundestags zugeschickt wurde, werden nicht nur demütigende Ausbildungspraktiken bestätigt. In dem 28-seitigen Papier wird auch beschrieben, dass die Aktionen System hatten und wohl sexuell motiviert waren.

Unter anderem haben die Bundeswehr-Ermittler aufgedeckt, dass eine als Hörsaalleiterin eingesetzte Offizieranwärterin in einem Einstellungstest in das Ausbilderteam im Aufenthaltsraum der Kaserne an einer Pole-Stange, wie sie aus Rotlicht-Lokalen bekannt ist, nackt tanzen musste.

Suspendiert, versetzt

Das Ministerium fordert nicht nur einen Neuanfang, sondern einen „grundlegenden Mentalitätswechsel“ bei allen Soldaten in dem Zentrum. Einige von ihnen verteidigen die Praktiken demnach bis heute. Weiter wird beanstandet, dass die Beschwerden einer Soldatin auf dem internen Dienstweg nicht ans Ministerium weitergeleitet wurden.

Agnieszka Brugger, grüne Verteidigungsexpertin und Bundestagsabgeordnete aus Ravensburg, warf Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vor, das Thema „innere Führung“ in der Truppe vernachlässigt zu haben. Nur dadurch habe es zu Missständen wie in Pfullendorf kommen können. Im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“ sagte Brugger: „Es reicht nicht, Pressestatements abzugeben.“ Nun müssten Taten folgen.

Im Januar waren Berichte über demütigende Rituale und sexuelle Nötigung in der Ausbildung von Elitesoldaten bekannt geworden. Fünf Soldaten, unter ihnen der Kommandeur des Zentrums, wurden sofort versetzt. Weiter ermittelt die Staatsanwaltschaft Hechingen gegen Wachsoldaten, die bei „Aufnahmeritualen“ Soldaten misshandelt haben sollen. Sieben Zeitsoldaten sind vom Dienst suspendiert worden und sollen fristlos entlassen werden.

Ausbildung außer Kontrolle

Das Bild, das das Ministerium in dem als Verschlusssache eingestuften Papier vom Ausbildungszentrum zeichnet, lässt darauf schließen, dass in der Kaserne nicht nur die „Combat First Responder“-Ausbildung mit Elitesoldaten außer Kontrolle geraten war. Frauen hätten sich, angeblich stets zu Ausbildungszwecken, nackt ausziehen müssen, dann hätten die anderen Lehrgangsteilnehmer Brüste und Genitalbereich abgetastet. Dies sei auch fotografiert oder gefilmt worden.

Zwar hatte der Kommandoarzt der Ausbildungsstätte im August 2016 die beanstandeten Ausbildungspraktiken untersagt, heißt es in dem Bericht. Allerdings seien die Informationen danach auf dem Dienstweg nicht weitergegeben worden. Darum erfuhr das Ministerium erst von den Vorgängen, als sich die Mutter der betroffenen Soldatin im Herbst 2016 an den Wehrbeauftragten und die Hörsaalleiterin sich an die Ministerin wandte.

Im Verteidigungsausschuss wird sich Generalinspekteur Volker Wieker am heutigen Mittwoch den Fragen der Abgeordneten stellen: „Unter anderem wollen wir wissen, warum das Parlament so spät von den unglaublichen Vorgängen in Pfullendorf erfuhr“, sagte die Abgeordnete Brugger.

Die Bundeswehr steht derzeit bundesweit in den Schlagzeilen - Sadistische Sexrituale und Misshandlungen sollen in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf im Landkreis Sigmaringen stattgefunden haben. Die Bundeswehrführung hat bereits Konsequenzen aus den schweren Vorwürfen gezogen.

Der Generalinspekteur der Bundeswehr hat heute Vormittag die Staufer-Kaserne in Pfullendorf besucht. Anlass waren sexuelle Demütigungen und Aufnahmerituale in der Truppe.

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