So dramatisch verlief Merkels Pannenflug

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 Immer wieder fällt Deutschland international durch Probleme mit seinen Regierungsfliegern auf.
Immer wieder fällt Deutschland international durch Probleme mit seinen Regierungsfliegern auf. (Foto: dpa)
Andreas Herholz
Redakteur
Markus Sievers

Eine kaputte Funkanlage im Regierungs-Airbus, eine heikle Notlandung in Köln/Bonn, eine Ersatzmaschine ohne Crew und am nächsten Morgen in aller Frühe ein Linienflug mit Iberia von Spanien aus – auf dem Weg zum G 20-Gipfel in Argentinien ging für Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) vieles schief. Eine schwere technische Panne mit politischen Konsequenzen: Durch die massive Verspätung fehlte die deutsche Regierungschefin nicht nur beim Auftakt des Treffens und verpasste die Aufnahmen zum Gruppenfoto. Auch wichtige Gespräche unter anderem mit US-Präsident Donald Trump und dem chinesischen Präsidenten Xi Jingpin musste Merkel zunächst absagen. Es ist nicht der erste Zwischenfall mit einem Regierungsflieger. Und so nimmt die Debatte Fahrt auf, ob sich die Bundesrepublik als reiches Hochtechnologie-Land nicht eine bessere Regierungsflotte leisten sollte.

Donald Trump, Wladmir Putin und Emmanuel Macron waren schon lange in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires zum Gipfel der G 20 angekommen, als Merkel noch mit Iberia nach Südamerika unterwegs war. Dabei konnte sie froh sein, dass sie und ihre Delegation am Donnerstagabend heil aus dem Regierungs-Airbus „Konrad Adenauer“ hatten aussteigen können. „Es war eine ernsthafte Störung“, sagte Merkel in ihrer nüchternen Art, als sie die defekte Kanzler-Maschine verlassen hatte. Nach dem glimpflichen Ausgang bedankte sie sich bei der Mannschaft und vor allem bei dem Piloten: Das Kommando habe „der erfahrenste Kapitän der Flugbereitschaft“ gehabt, so Merkel. Daraus spricht die Erleichterung darüber, dass nichts Schlimmeres passiert war.

Eine elektronische Verteilerbox hatte den 20 Jahren alten Flieger, vor Jahren von der Lufthansa ausgemustert und an den Staat verkauft, lahmgelegt. „Das war der klassische Ausfall eines Bauteils, wie er heute jederzeit passieren kann“, sagte gestern Guido Henrich, Kommandeur der Flugbereitschaft der Luftwaffe. Eine ernsthafte Gefahr habe nicht bestanden. Doch die Störung reichte, um das Funksystem und andere elektronische Anlagen funktionsunfähig zu machen. Obwohl die Maschine vollgetankt war für die Überquerung des Atlantiks und damit für eine normale Landung Übergewicht hatte, entschied sich der Pilot zu einer Notlandung in Köln/Bonn. Unter diesen Umständen kein einfaches Manöver. Tatsächlich liefen laut Henrich die Bremsen heiß, ohne aber zu versagen.

Damit war das Debakel für Merkel nicht beendet. Der zweite Airbus 340 der Luftwaffe stand zwar an seinem Heimatflughafen Köln-Bonn bereit. Doch die Besatzung war schon so lange im Einsatz gewesen, dass sie den zusätzlichen, gut zehnstündigen Flug nach Südamerika aus Sicherheitsgründen nicht mehr antreten durfte. Und so mussten Merkel und Scholz in Bonn in einem Hotel übernachten und am nächsten Morgen mit einer anderen Regierungsmaschine nach Madrid reisen, von wo aus es weiterging. Aus Platzgründen ließ Merkel nicht nur ihren Ehemann Joachim Sauer in Deutschland zurück, sondern auch viele Beamte und Journalisten. Damit die Bundeskanzlerin wenigsten noch am Gala-Dinner für die Staats- und Regierungschefs aus aller Welt teilnehmen konnte, organisierten die argentinischen Sicherheitsbehörden einen Blitz-Transfer vom Flughafen vor.

Immer wieder fällt Deutschland international durch Probleme mit seinen Regierungsfliegern auf. Erst Mitte Oktober hatten Nagetiere Schläuche in der Pannenmaschine Konrad Adenauer angebissen, so dass Finanzminister Scholz die Rückreise von der Tagung des Internationalen Währungsfonds auf der indonesischen Insel Bali mit einem Linienflugzeug antreten musste. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kennt die Tücken dieses Fliegers. In Südafrika musste er stundenlang warten, weil ein Triebwerk nur mit Hilfe eines externen Gerätes starten konnte. Nur zwei Prozent der Regierungsflüge fielen aus, erklärte ein Sprecher des zuständigen Verteidigungsministeriums. Da die Flotte aber so klein sei, falle jeder Defekt besonders auf.

Der Haushalts- und Wehrexperte der Grünen, Tobias Lindner, forderte vollständige Aufklärung. „Wir hören immer wieder, dass Luftfahrzeuge der Flugbereitschaft ausfallen. Es stellt sich die Frage, ob und warum die Flugzeuge der Flugbereitschaft häufiger ausfallen als im zivilen Betrieb“, erklärte er. „Es muss geprüft werden, ob die Wartungsprozesse bei der Flugbereitschaft angemessen gestaltet sind und funktionieren“, sagte er im Gespräch mit der „Schwäbischen Zeitung“. Es wundere ihn auch, dass man zwar eine Ersatzmaschine in Berlin vorgehalten habe, aber kein Personal, das diese dann bedienen könnte, so Lindner. „Der Ausfall der Kommunikationssysteme und weiterer Elektronik stelle „ein Sicherheitsrisiko“ dar, sagte der Grünen-Politiker.

Kritik kommt auch von FDP-Chefhaushälter Otto Fricke. „Der bürokratische und technische Murks der letzten Jahre geht so nicht weiter“, erklärte er im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. Dabei sei der Haushaltsausschuss des Bundestages durchaus bereit gewesen, der Kanzlerin die Mittel für ein moderneres oder besseres Flugzeug zur Verfügung zu stellen. „Nun hat man inzwischen das Gefühl, dass sich die Flugbereitschaft an die Qualität deutscher Inlandsflüge anpasst“, stichelte der Liberale.

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