Schreiben befreit — zumindest in Rumäniens Gefängnissen

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Schwäbische Zeitung

Rumänien wird für seinen Kampf gegen die Korruption gelobt. Aber Verurteilte kommen vorzeitig wieder frei, wenn sie in der Haft Bücher schreiben. Je mehr desto früher. Das soll nun ein Ende haben.

Von Kathrin Lauer

Bukarest (dpa) — Dan Voiculescu war einer der einflussreichsten Medienunternehmer Rumäniens und Chef der zeitweise mitregierenden Konservativen Partei (PC). Zu kommunistischen Zeiten war er Devisenbeschaffer des Diktators Nicolae Ceausescu. 2014 wurde er wegen Betrugs zu zehn Jahren Haft verurteilt. Davon könnten ihm zehn Monate erlassen werden, weil er hinter Gittern „schriftstellerisch“ tätig war. Das rumänische Strafrecht sieht nämlich 30 Tage Hafterlass pro veröffentlichtem Buch vor. Und Voiculescu schaffte in weniger als zwei Jahren sage und schreibe zehn Stück. Eines davon trägt den Titel „Die Menschheit, wo geht sie hin?“

Eine allgemeine Regelung zum Straferlass für Häftlinge, die arbeiten, gibt es schon seit dem Jahr 1969. 2013 weitete das Parlament sie aus und fügte einen Passus ein, der die schreibenden Häftlinge begünstigt. Damals lief die Antikorruptionskampagne der Justiz bereits auf Hochtouren, die mehrere Tausend Vertreter der „besseren Gesellschaft“ Rumäniens hinter Gitter brachte. Die vielen inhaftierten Politiker, Beamten und Wirtschaftsbosse griffen eifrig zur Feder, um früher freizukommen. 188 verurteilte Häftlinge verfassten insgesamt 429 Bücher. Dies gab Rumäniens Justizministerium auf Druck der Medien vor kurzem bekannt. 340 Knast-Werke entstanden allein im Jahr 2015.

„Absolut skandalös“ findet das Filip Florian, einer der beliebtesten Schriftsteller Rumäniens. „Wir sind das Land, wo das Gefängnis die einzige Förderung für Schriftsteller ist“. Für Autoren, die nichts verbrochen haben, gebe es keinerlei staatliche Hilfe. Nach massiver öffentlicher Empörung hat Rumäniens Staatsanwaltschaft am Dienstag Ermittlungen gegen Verlage, Universitäten und Professoren wegen Verdachts auf Begünstigung eines Straftäters eingeleitet. Denn, um einen Straferlass zu bewirken, muss das Knast-Buch laut Gesetz veröffentlicht, wissenschaftlich fundiert und die Empfehlung eines Professors haben.

Der Medien-Mogul Voiculescu war einer der produktivsten Knast-Schreiber. Ihm ebenbürtig mit ebenfalls zehn Titeln war nur noch Dinel Staicu, der wegen Veruntreuung von elf Millionen Euro beim rumänischen Gasverteiler Transgaz verurteilt wurde. Bescheiden zeigte sich hingegen Rumäniens Ex-Ministerpräsident Adrian Nastase (2000-2004), dem selbst Kritiker Feingeistigkeit nicht absprechen. Nur auf ein Buch („Die zwei Rumäniens“) brachte es der unter anderem wegen illegaler Parteienfinanzierung verurteilte Sozialdemokrat und Jura-Professor während seiner Haft.

Aber auch weniger geübte Schreiber ließen ihre Namen auf Buchtitel setzen — fünf sind es im Fall von George Becali, dem wegen Korruption verurteilten Ex-Manager des Erfolgs-Fußballclubs Steaua Bukarest. Er gab vor kurzem freimütig zu, diese Bücher nicht selbst geschrieben zu haben. Zwei Titel des vorzeitig aus der Haft entlassenen Becali, der gerne Frömmigkeit zur Schau stellt, sind dem orthodoxen Christentum gewidmet — und dies mit Empfehlung eines ranghohen Metropoliten.

Plagiatsvorwürfe kamen im Fall des Fußballmanagers, Unternehmers George Copos auf. Der wegen Betrugs bei Fußballer-Transfers und mit der rumänischen Staatslotterie zu vier Jahren verurteilte Millionär will während der Haft ein Werk über mittelalterliche Heiratspolitik in den rumänischen Fürstentümern verfasst haben. Er soll dabei massiv aus einer fremden Dissertation abgeschrieben haben. Copos kam nach Verbüßung von einem Drittel der ihm zugedachten Haftzeit frei.

„Ich schäme mich, mit Leuten wie Copos auf derselben Liste zu stehen“, sagte Dumitru Girbacea der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Schließlich habe ich für mein Buch hart gearbeitet“. Girbacea, studierter Psychologe, war wegen Betrugs zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt worden. Im Knast schrieb er „Geschichten aus dem Inferno“. Das Buch soll vor Drogenkonsum abschrecken. Einen Straferlass habe er, wie Girbacea sagt, dafür aber nicht bekommen.

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