Rohingya-Flüchtlinge stehen vor der nächsten Katastrophe

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Die Rohingya-Flüchtlinge müssen den bevorstehenden Monsun fürchten.
Die Rohingya-Flüchtlinge müssen den bevorstehenden Monsun fürchten. (Foto: afp)
Nick Kaiser

Die armseligen Hütten der Rohingya-Flüchtlinge reihen sich prekär auf gerodeten Hängen aneinander. Der bald kommende Monsun dürfte viele der Behausungen wegfegen. Dort, wo die Lager stehen, hat extremes Wetter schon viel Schaden angerichtet.

Das Gebiet, auf dem Camp 123 entsteht, war vor wenigen Monaten noch subtropischer Wald. Inzwischen sind Bambus und Bäume aber für die Behausungen von Rohingya-Flüchtlingen und als Feuerholz draufgegangen. Nun ebnen Bagger, Planierraupen und Walzen den hügeligen Boden. Im Staub unter der sengenden Sonne schuften 3500 Rohingya für umgerechnet knapp vier Euro am Tag.

Es ist ein Rennen gegen die Zeit für mehrere UN-Organisationen im Südosten Bangladeschs. Wenn die Monsunzeit spätestens im Juni beginnt, sollen hier die Flüchtlinge aus den bereits bestehenden Lagern unterkommen, deren Behausungen akut gefährdet sind, Fluten und Erdrutschen zum Opfer zu fallen. Ihre Hütten aus Bambus und Kunststoffplanen stehen dicht an dicht auf gerodeten Hügeln und Hängen. Den heftigen Regen und Wind, die die dreimonatige Monsunzeit bringt, werden viele der Unterkünfte wahrscheinlich nicht überstehen.

Das betrifft nach Einschätzung der Organisationen rund 200 000 der fast eine Million Rohingya, die in Bangladesch Zuflucht vor der Gewalt in ihrer Heimat Myanmar gesucht haben. Das Problem: Im nach seiner Größe von 123 Morgen (rund 50 Hektar) benannten Camp 123 wird bis Ende Mai wohl nur Platz für ungefähr 15 000 Menschen entstehen.

„Die Zeit ist zu knapp“, sagt Peter Schaller, österreichischer Nothilfekoordinator des UN-Welternährungsprogramms WFP. „Wir konzentrieren uns auf die Arbeit, die am meisten bewirkt und mit den vorhandenen Mitteln bis Ende Mai zu schaffen ist.“

Allzu deutlich wollen die Hilfsorganisationen Bangladesch, auf dessen Mitarbeit sie angewiesen sind, öffentlich nicht kritisieren. Einige beklagen aber, dass das Land für die Monsun-gefährdeten Rohingya erst sehr spät bereitgestellt worden und zudem hügelig sei – erst Mitte März konnten die aufwendigen Bauarbeiten beginnen.

Es werde viel Aufhebens um den bevorstehenden Monsun gemacht, meint der Informationsminister von Bangladesch, Hassanul Hag Inu. Und betont: „Wir machen uns darüber keine allzu großen Sorgen.“ Der Monsun sei weder für die Bangladescher noch für die Menschen aus Rakhine – dem Heimatbundesstaat der Rohingya in Myanmar – eine große Herausforderung, sie alle seien die Stürme gewohnt.

Das will Christa Räder, deutsche WFP-Landeschefin für Bangladesch, so nicht stehen lassen. „Es ist zwar für sie nichts Neues, dass es Erdrutsche geben kann. Neu ist aber diese gewaltige Konzentration so vieler Menschen“, sagt Räder in Cox's Bazar, der nach einem britischen Kolonialoffizier aus dem 18. Jahrhundert benannten Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks in Bangladesch. In dieser Gegend stehen die Flüchtlingslager, dafür ist der Bezirk inzwischen bekannt. Ebenso wie für den angeblich längsten Sandstrand der Welt, für Drogenschmuggel aus Myanmar und Prostitution – auch von Rohingya-Frauen und -Mädchen.

Angst vor einem Zyklon

Man könne nur hoffen, dass es in diesem Jahr keinen Zyklon gebe, sagt Schaller. Im vergangenen Mai kostete der Wirbelsturm „Mora“ in der Region acht Menschen das Leben und beschädigte Tausende Häuser. „Bei Windgeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometer können wir davon ausgehen, dass der Großteil der Unterkünfte weg ist.“

Menschen wie Hasina Begum mag es vorkommen, als laste ein Fluch auf ihnen. Erst wurde ihr Mann in ihrer Heimat Rakhine unter ungeklärten Umständen erschossen, wie sie erzählt. Dann zerstörte ein Zyklon ihr Haus. Als es wieder stand, kamen Soldaten, brannten das Dorf nieder und schossen auf davonlaufende Bewohner. Hasina flüchtete mit ihren fünf Kindern und ihrer Mutter in ein Nachbardorf, bis auch dort die Armee auftauchte.

Nach einer dreitägigen Flucht zu Fuß lebt die Familie inzwischen seit sieben Monaten in Bangladesch. Nun droht das nächste Unglück: Ihre kleine Hütte aus Bambus und Kunststoffplanen steht im Lager Kerantoli am Fuße eines Hangs. „Ich habe große Angst, weil mir gesagt wurde, ein Erdrutsch könnte mein Haus kaputtmachen“, sagt Hasina.

Halbe Million im Flüchtlingslager

Das ist nicht nur das Einzelschicksal einer vom Pech verfolgten Familie, sondern eine eher typische Erfahrung für die Angehörigen der staatenlosen, muslimischen Volksgruppe. Im Mega-Camp Kutupalong-Balukhali, dem mit mehr als einer halben Million Bewohnern bevölkerungsreichsten und am dichtesten besiedelten Flüchtlingslager der Welt, und in den vielen kleineren Camps drum herum haben die meisten Bewohner Horror-Geschichten zu erzählen. Geschichten von Hinrichtungen, Vergewaltigungen, abgefackelten Dörfern.

Schon vor der jüngsten Gewaltwelle galten die Rohingya als meistverfolgte Minderheit der Welt. Seit Jahrzehnten wird ihnen in ihrer Heimat, wo ihre Familien seit Generationen leben, die Staatsbürgerschaft sowie der Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung verwehrt.

Inzwischen stecken sie hier in Cox's Bazar fest, weil Myanmar sie mit Gewalt vertrieben hat und der muslimische Nachbar Bangladesch die Flüchtlinge auch nicht dauerhaft aufnehmen will – sie bekommen keine formelle Schulbildung und dürfen nicht geregelt arbeiten oder sich außerhalb eines Gebietes bewegen, das etwas kleiner ist als Hamburg. Die bangladeschische Regierung arbeitet zudem daran, 100 000 der Flüchtlinge auf eine abgelegene Insel im Golf von Bengalen zu schicken – eine Insel, die Amnesty International zufolge flutgefährdet ist.

Schon im ersten Monat nach Ausbruch der Gewalt kam eine halbe Million Rohingya an – die meisten über den Grenzfluss Naf. 300 000 in den Jahren zuvor geflüchtete waren schon da. Die Zahl der Neuankömmlinge liegt inzwischen bei 700 000; noch immer kommen ein paar Tausend pro Monat hinzu. Am Anfang der Krise war weder Zeit noch Platz da, um eine sinnvolle Anordnung der behelfsmäßigen Hütten zu planen.

In der Folge galt es, Probleme wie Unterernährung, die mögliche Verbreitung gefährlicher Krankheiten und mangelnder Zugang zu ärztlicher Versorgung, sauberem Wasser sowie Toiletten zu bewältigen – Probleme, die es noch immer gibt. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR warnt daher angesichts der bevorstehenden Monsunzeit vor einer „Katastrophe innerhalb einer Katastrophe“.

Da in Camp 123 nur ein kleiner Teil der gefährdeten Flüchtlinge untergebracht werden kann, verteilt das UNHCR nun in den Lagern Seile, Stahlheringe und Sandsäcke, damit die Flüchtlinge ihre Hütten so gut es geht absichern können. Zusammen mit anderen UN-Organisationen werden Abwasserkanäle gegraben, eine Straße mit Ziegelsteinen gepflastert und Gehwege gefestigt. Zudem entsteht ein Verteilungszentrum mit Notvorräten. Mehrere Tausend Familien sind innerhalb der bestehenden Lager umgesiedelt worden.

Überschwemmungen und Erdrutsche werden trotz allem nicht zu verhindern sein – wahrscheinlich auch nicht, dass Latrinen überfluten, das Trinkwasser in den Brunnen verunreinigt wird und Krankheiten ausbrechen.

Ein Grund, warum der bevorstehende Monsun verheerender sein dürfte als im vergangenen Jahr, als die Flüchtlinge durch strömenden Regen und Matsch die Grenze überquerten, ist, dass die schützenden Bäume und die Sträucher inzwischen weg sind – samt ihrer Wurzeln, ohne die der sandige Boden instabil ist.

Die Abholzung von mehreren Tausend Hektar Wald hat noch weitere Folgen – etwa häufigere Begegnungen mit den hier wildlebenden, gefährdeten asiatischen Elefanten. Mehrere Rohingya wurden schon totgetrampelt. Das UNHCR und die Weltnaturschutzunion IUCN haben nun zwei Teams von Flüchtlingen mit Trillerpfeifen und Taschenlampen ausgestattet und sie dafür angeheuert, nachts zu patrouillieren und die Lagerbewohner vor sich nähernden Elefanten zu warnen. „Wir erklären den Leuten, dass sie die Elefanten nicht umzingeln und keinen Lärm machen sollen, denn dann werden die Elefanten wütend und greifen an“, erzählt Jahid Hussein, einer der Teamleiter.

Der Lebensraum einer Vielzahl von Tieren werde durch die Abholzung des eigentlich geschützten Waldgebietes im Bezirk Cox's Bazar zerstört, berichtet Sarder Shafiqul Alam vom Internationalen Zentrum für Klimawandel und Entwicklung (ICCCAD) in der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka. Über die Rohingya sagt er: „Wir geben ihnen Zuflucht auf Kosten unserer Umwelt.“

Bangladesch liegt im Klima-Risiko-Index der Umweltschutzorganisation Germanwatch auf Platz sechs der Staaten, die von 1997 bis 2016 am meisten von extremen Wetterereignissen betroffen waren. Grund ist die Lage des Landes im Becken dreier Flüsse, die aus dem Himalaya herabfließen. Erschwerend hinzu kommt, dass Bangladesch eines der am dichtesten bevölkerten, eines der ärmsten und eines der niederschlagreichsten Länder der Welt ist. Und der Klimawandel macht Monsun und Wirbelstürme extremer.

Auch Klimaflüchtlinge

Neben der Einwanderung der Rohingya erlebt Bangladesch auch eine Binnenwanderung der Klimaflüchtlinge aus den Küstenregionen des Landes, wozu auch Cox's Bazar gehört. „Jedes Jahr ziehen 500 000 bis 600 000 Menschen nach Dhaka, und die meisten kommen aus Gegenden, die von der Erosion von Flussufern betroffen sind“, sagt Alam vom ICCCAD. Sie hätten ihr Land oder ihre Anbaufläche verloren oder könnten wegen extremen Wetters nicht mehr als Fischer arbeiten.

In Dhaka – einer mit 17 Millionen Einwohnern völlig überbevölkerten Stadt, die für stundenlange Staus berüchtigt ist – landen die Klimaflüchtlinge laut Alam meist in Slums. Auch dort gibt es wegen der schlechten Infrastruktur bei Monsunregen Überschwemmungen.

Im vergangenen Jahr stand in der Monsunzeit zeitweise ein Drittel von Bangladesch unter Wasser. Weit mehr als 100 Menschen kamen ums Leben. „Dieses Jahr wird eine riesige Anzahl an Menschen sterben“, prognostiziert Alam mit Blick auf die Situation in den Rohingya-Lagern.

Die Monsunzeit trifft den äußersten Südosten von Bangladesch, wo die Rohingya-Lager stehen, meist etwas früher als die übrigen Länder Südasiens. Erste Regenfälle sind noch im April zu erwarten — ab Ende Mai dürfte es dann kritisch werden.

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