Rebellen werfen Assad Giftgas-Angriff vor

Lesedauer: 5 Min

Rakete der syrischen Armee steigt über Ost-Ghuta auf: Im dem umkämpften Gebiet nahe Damaskus soll es zum Einsatz von Giftgas ge
Rakete der syrischen Armee steigt über Ost-Ghuta auf: Im dem umkämpften Gebiet nahe Damaskus soll es zum Einsatz von Giftgas gekommen sein. (Foto: dpa)
Michael Wrase

Hilfsorganisationen, die den Rebellen nahestehen, werfen dem Assad-Regime einen erneuten Einsatz von Giftgas vor. Die USA prüfen „Handlungsbedarf“, Moskau beschuldigt die Rebellen.

Um 20.22 Ortszeit sollen Hubschrauber der syrischen Armee eine mit chemischen Waffen gefüllte Fassbombe auf die Rebellenhochburg Duma in der Region Ost-Ghuta abgeworfen haben. Ganze Familien seien dabei in der Nacht zum Sonntag in ihren Schutzräumen „zu Tode vergast worden“, berichten die mit den islamistischen Aufständischen verbündete „Weißen Helme“. Die Gruppe hatte das mutmaßliche Massaker dokumentiert und Bilder röchelnder Kleinkinder sowie andere schockierende Fotos sofort ins Internet gestellt. Die „Weißen Helme“ wollten Chlorgas gerochen haben, glauben, wie es heißt, aber fest an den Einsatz des Nervengases Sarin.

Es handle sich um eine „der schlimmsten Attacken in der syrischen Geschichte“, sagte Ghanem Tayara vom Hilfsbündnis „Union of Medical Care and Relief Organizations“ (UOSSM), das den Rebellen nahe steht. Mindestens 80, nach anderen Quellen bis zu 150 Menschen seien bei den Gasangriffen ums Leben gekommen. Die mehr als 200 Verletzten zeigten eine bläuliche Verfärbung der Haut, welche bei C-Waffenangriffen häufig zu beobachten sei.

Überraschend kamen die Attacken nicht. Bereits vor vier Wochen hatte das russische Außenministerium verkündet, dass man in den Vororten von Damaskus mit „Chemiewaffenangriffen zur Rechtfertigung amerikanischer Vergeltungsangriffe“ rechne. Die Anschuldigungen wurden erst am letzten Freitag, also 24 Stunden vor den mutmaßlichen Giftgasbombardements, vom Moskauer Verteidigungsministerium wiederholt. Die „Armee des Islam“ plane Angriffe mit Chlorgas, um diese dann den Regierungstruppen in die Schuhe zu schieben.

Wirklich stichhaltige Beweise für ihre Behauptung lieferten die Russen nicht. Militärischen Sinn, glauben Militärexperten im Libanon, machten Giftgasangriffe zum gegenwärtigen Zeitpunkt aber nicht, da die hochüberlegene syrische Armee ihre Kriegsziele auch mit konventionellen Mitteln durchsetzen könnte. Die Rebellen in der Ost-Ghuta stünden bekanntlich vor einer Niederlage und verbreiteten daher Lügen, hieß es auch in den syrischen Staatsmedien, die den Einsatz von Giftgas vehement bestritten.

Auch in Washington scheint man sich noch im Klaren darüber zu sein, was genau in der Nacht zum Sonntag in der Ost-Ghuta geschehen ist. Man werde die beunruhigenden Berichte über den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien genau prüfen und handeln, weil sich diese bestätigen sollten. Eine sofortige Antwort der internationalen Staatengemeinschaft sei „dann gefordert“, betonte eine Regierungssprecherin. Ob damit ein amerikanischer Alleingang gemeint war, ließ sie zunächst offen.

Als Reaktion auf einen noch immer nicht vollständig aufgeklärten Gasangriff auf die Ortschaft Chan Scheichum im Norden Syriens, bei dem vor genau einem Jahr bis zu 100 Menschen ums Leben kommen, hatte Donald Trump einen Lenkwaffenangriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt bei Homs angeordnet. Auch am Sonntag deutete der amerikanische Präsident eine Bestrafung von „Assad, diesem Tier“, an. Auch Iran und Russland würden für ihre Unterstützung des Syrers zur Rechenschaft gezogen, müssten einmal einen „großen Preis“ für ihre Schandtaten bezahlen.

Wirklich Konkret wurde Trump, der erst vor wenigen Tagen sein Desinteresse an einem weiteren militärischen Engagement in Syrien signalisiert hatte, freilich nicht. In seinem Tweet sprach sich der Amerikaner am Sonntag auch für eine Aufhebung der Blockade der Stadt Duma sowie eine „Verifizierung“ des Massakers aus – was zunächst gegen ein sofortiges militärisches Handeln spräche.

Denn Vergeltungsschläge gegen das Assad-Regime wären hoch riskant. In seinen vor einem Monat veröffentlichten Warnungen vor neuen Giftgasangriffen in Syrien hatte das russische Verteidigungsministerium deutlich gemacht, dass man im Falle amerikanischer Militärschläge gegen Syrien nicht untätig bleiben und zurückschlagen werde.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen