Rückkehr des Terrors

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Unweit des Anschlagsortes an den Royal Artillery Barracks in Woolwich haben Menschen Blumen für den ermordeten Soldaten niederge (Foto: dpa)
ALEXEI MAKARTSEV

Traurige, herzerweichende Worte auf einem gefalteten, weißen Papierbogen: „Ruhe in Frieden, unbekannter Soldat. Du wirst jetzt bei den Engeln sein“.

Auf einer anderen Karte verabschiedet sich eine Soldatenfamilie von einem „wahren Helden, der uns viel zu früh genommen wurde“. An einer Straßenlaterne vor den Baracken der Königlichen Artillerie im Ostlondoner Stadtteil Woolwich liegen Rosen, Tulpen und Narzissen, Stofftiere, Kränze und ein olivfarbenes Armee-T-Shirt. Gleich nach dem Sonnenaufgang am Donnerstag begann dieser Gedenkhaufen zu wachsen. Doch mindestens genau so schnell wuchsen gestern in London das Entsetzen und der Zorn der Menschen, die den brutalen Mord eines Militärs in Zivil auf offener Straße durch zwei mutmaßliche Islamisten als eine Herausforderung an ihre offene und multikulturelle Gesellschaft sehen.

Behörden wollen wachsende Spannung entschärfen

Zwei Tage vor dem „historischen“ Champions-League-Finale im Wembley-Stadion mit Zehntausenden deutscher Fans gaben sich die Behörden in der Metropole alle Mühe, um die wachsende Spannung schnell zu entschärfen. Sowohl der Premierminister David Cameron als auch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson verurteilten mit scharfen Worten das offensichtlich religiös motivierte Verbrechen.

Sie riefen jedoch gleichzeitig die Londoner und die Gäste der Hauptstadt dazu auf, „mit dem normalen Alltag fortzufahren“. Während der Scotland Yard 1200 zusätzliche Polizisten in den Straßen postierte, entschloss sich Camerons Regierung zunächst dazu, die seit längerer Zeit geltende, dritthöchste Terrorwarnstufe („substanziell“) nicht zu erhöhen. Die UEFA und die Bundesregierung sahen nach dem Attentat keine konkrete Gefahr für die Besucher des Endspiels. „Die Fans können zum Finale fahren“, sagte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich in Hannover.

Die beruhigenden Worte der Politiker stehen im Kontrast zur hektischen Aktivität der Sicherheitsdienste und der britischen Polizei, die die Hintergründe des schockierenden Verbrechens am Mittwochnachmittag in Woolwich untersuchen. Nach Augenzeugenberichten hatten zwei dunkelhäutige Männer im Alter von etwa 30 Jahren zunächst in einem blauen Kleinwagen einen Mann verfolgt, der ein T-Shirt der Wohltätigkeitsorganisation „Help for Heroes“ (Hilfe für Helden) trug.

Die Times beschreibt das namentlich unbekannte Opfer als einen britischen Soldaten, der zwei Mal in Afghanistan stationiert worden war. Nach ersten Erkenntnissen sprangen beide Täter aus dem Wagen, um auf den Militär mit ihren Messern einzustechen. Manche Passanten berichten, dass sie daraufhin mit einem Fleischerbeil den Kopf des Mannes abtrennten und mit dem Ruf „Allah ist groß“ die Leiche auf die Fahrbahn schleppten. Sie sollen danach „seelenruhig“ auf das Eintreffen der Polizei in etwa 15 Minuten gewartet haben.

Täter wurden medizinische behandelt

„Das waren Tiere, diese Kerle waren total verrückt“, sagte ein schockierter Augenzeuge im Interview des Londoner Radiosenders LBC. „Sie wollten nicht fliehen“, erzählte ein anderer Mann. Stattdessen baten die Mörder die Zeugen darum, ihre Tat zu fotografieren. Einer von ihnen machte sogar eine Erklärung vor der Handy-Videokamera eines Passanten: “Der einzige Grund, warum wir diesen Mann getötet haben, ist, dass die britischen Soldaten jeden Tag Muslime töten. Auge um Auge… Wenn wir unsere Waffen herausholen, glaubt ihr, dass die Politiker dann sterben werden? Nein, das werden ganz normale Menschen wie ihr sein“. Nach den offiziell nicht bestätigten Berichten hatten sich beide Männer später mit den Waffen auf die Polizisten gestürzt, worauf sie angeschossen wurden. Beide Täter wurden gestern in einem Krankenhaus unter Bewachung medizinisch behandelt. Sie sollen in Kürze verhört werden.

Die brennende Frage in London lautet derzeit: Gehören beide Islamisten zu einem terroristischen Netzwerk? Oder handelt es sich vielmehr um so genannte „einsame Wölfe“, die sich durch die extremistischen „Hasspredigten“ im Internet zu ihrer Tat haben inspirieren lassen? Beide Männer sollen angeblich Briten nigerianischer Abstammung sein. Laut Premier Cameron sind sie den Geheimdiensten bekannt gewesen.

Nach BBC-Angaben stammt einer der Verdächtigen, der 28 Jahre alte Michael A., aus Woolwich. Er soll im benachbarten Stadtteil Greenwich die Universität besucht haben und vor etwa zehn Jahren zum Islam konvertiert sein. Die Polizei durchsuchte in der Nacht zu Donnerstag eine Wohnung in Greenwich und ein Haus in der ostenglischen Stadt Lincoln. Sie soll dabei einige Familienmitglieder der Attentäter festgenommen haben. Eine aktive Verbindung beider Briten zu den militanten islamistischen Gruppen in Afrika, wie etwa zu Boko Haram in Nigeria, wurde gestern zunächst ausgeschlossen.

Nicht zum ersten Mal werden Militärs zur Zielscheibe von Vergeltung

Nach Expertenmeinung illustriert jedoch die schockierende Hinrichtung eines Soldaten auf offener Straße und mit islamistischen Parolen die steigende Gefahr durch den so genannten „home grown terrorism“ in Großbritannien. Es wäre nicht das erste Mal, dass die im Königreich groß gewordenen und radikalisierten Muslime die britischen Militärs zur Zielscheibe ihrer Vergeltungsschläge machen. Allerdings wurden bislang alle solche Attentatsversuche durch die Sicherheitsbehörden frühzeitig vereitelt. 2007 deckte die Polizei in Birmingham eine terroristische Verschwörung auf mit dem Ziel, einen Soldaten auf Urlaub vom Afghanistan-Einsatz zu kidnappen und zu enthaupten.

Vor einem Monat wurde in London der islamische Konvertit Richard Dart zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der 30-jährige hatte geplant, mit einem Komplizen eine Bombe bei einer der Trauerprozessionen im Städtchen Wootton Bassett zu zünden, das früher regelmäßig die Särge mit den gefallenen britischen Soldaten in Afghanistan verabschiedet hat.

Im April wurden elf Mitglieder einer islamistischen Terrorzelle in Birmingham teilweise zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Nach den Worten des Richters hatten diese Männer geplant, ihre Heimatstadt in ein „Kriegsgebiet“ zu verwandeln. Im selben Monat schickte ein Gericht in Luton vier junge Islamisten ins Gefängnis, die eine Militärkaserne mit einem Sprengsatz unter einem ferngesteuerten Auto angreifen wollten.

Gefahr des „heimischen Terrorismus“ schon erkannt

Die Gefahr des „heimischen Terrorismus“ wurde in Großbritannien vor Jahren erkannt. 2012 warnte der damalige Chef des Geheimdienstes MI5, Sir Jonathan Evans, in einer seltenen öffentlichen Rede seine Landsleute vor „extremistisch gesinnten Einzeltätern“. Vor den Olympischen Spielen in London hielt die Denkfabrik RUSI in der Metropole die Gefahr durch „einsame Wölfe“ für hoch.

Das Institut schätzte in einer Studie ihre Zahl auf etwa 50. Neben den Islamisten stellen die gewaltbereiten nordirischen Terroristen traditionell eine ernste Gefahr für das britische Militär dar. Erst am Montag berichtete die Times von einem angeblichen Plan einer Splittergruppe der ehemaligen Terrororganisation IRA, am Rand des G8-Gipfels in Enniskillen im Juni einen britischen Polizisten oder Soldaten zu töten.

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