Prozess um größte Chemiekatastrophe Frankreichs

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Deutsche Presse-Agentur

Die Explosion in Toulouse war gewaltig: Dort, wo die Lagerhalle einer Düngemittelfabrik gestanden hatte, klaffte plötzlich ein riesiger Krater. 30 Menschen kamen bei der schlimmsten Chemie-Katastrophe Frankreichs ums Leben, 2500 wurden verletzt.

In der gesamten Stadt zerbarsten unzählige Fensterscheiben. Seit Montag müssen sich die mutmaßlichen Verantwortlichen des Unglücks vom Herbst 2001 wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht verantworten. Es dürfte einer der bedeutendsten Prozesse des Jahres in Frankreich werden.

Der Ölkonzern Total hat inzwischen knapp zwei Milliarden Euro Entschädigung gezahlt. Eine seiner Tochterfirmen war Eigentümerin der Düngemittelfabrik AZF am Stadtrand von Toulouse.

Der Prozess soll klären, wie es zu der Explosion kommen konnte. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass bei der Lagerung der Chemikalien geschlampt wurde. Es habe in der Lagerhalle nicht einmal ein Brandschutzsystem gegeben, betont Alain Levy, einer der Opferanwälte. Nach Einschätzung von Experten hatte ein Lagerarbeiter ein Chlorprodukt mit 300 Kilo Ammoniumnitrat vermischt, das dort eigentlich nicht hätte gelagert werden dürfen.

Da die Explosion sich nur zehn Tage nach den Attentaten in den USA vom 11. Septembers 2001 ereignete, wurde zunächst über einen terroristischen Hintergrund spekuliert. Eines der Todesopfer galt zeitweise als Selbstmordattentäter. Bei der Lokalpresse gingen Bekennerschreiben islamistischer Gruppen ein. Diese These ließ sich jedoch nicht belegen - ebenso wenig wie Spekulationen über Meteoriten oder Flugzeugteile, die die Explosion ausgelöst haben sollen.

Überlebende der Katastrophe werfen dem Ölkonzern Total vor, bei den Sicherheitsmaßnahmen gespart zu haben. „Total hat sich um notwendige Investitionen herumgedrückt, so viel wie möglich an Subunternehmen ausgelagert und auf Zeitarbeiter gesetzt, so dass sich am Ende niemand mehr um die Sicherheit gekümmert hat“, meint Frédéric Arrou, Vorsitzender des Verbandes der Opfer vom 21. September.

Auf der Anklagebank sitzen der ehemalige Direktor der Fabrik AZF und Vertreter der Total-Tochterfirma SA Grande-Paroisse. Etwa 2000 Nebenkläger wollen vor Gericht erscheinen. Der Prozess soll vier Monate dauern und komplett gefilmt werden. Es wird mit einem gewaltigen Publikumsinteresse gerechnet.

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