„Proud Boys“ reagieren auf die Botschaft des US-Präsidenten

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Die als rechtsextrem geltende US-Gruppierung „Proud Boys“ hat auf den Aufruf Trumps während des TV-Duells geantwortet.
Die als rechtsextrem geltende US-Gruppierung „Proud Boys“ hat auf den Aufruf Trumps während des TV-Duells geantwortet. (Foto: Carol Guzy/ imago images)
Frank Hermann

Kaum war die chaotische Fernsehdebatte zwischen Donald Trump und Joe Biden beendet, ließ Enrique Tarrio auch schon einen neuen Slogan auf T-Shirts drucken. Tarrio, Besitzer eines kleinen Textilunternehmens in Miami, ist der Chef der „Proud Boys“, einer rechtsnationalistischen Gruppierung, die auf einmal im Mittelpunkt stand. Aufgefordert, sich von weißen Überlegenheitsfanatikern zu distanzieren, war der US-Präsident, wie so oft, ausgewichen. Als es konkret wurde und von den „Proud Boys“ die Rede war, forderte er die Miliz auf, sich einerseits zurückzuhalten und andererseits bereitzustehen. „Stand back and stand by“, sagte Trump, was Tarrio offensichtlich als einen Appell interpretierte, sich vorzubereiten für den Fall, dass man ihn und seine Leute braucht. „Proud Boys Standing By“ ist auf T-Shirts zu lesen, die er nach dem TV-Duell kurzerhand in seine Kollektion aufnahm.

Gegründet wurden die „Stolzen Jungs“ im Herbst vor vier Jahren von Gavin McInnes, einem in Großbritannien geborenen, in Kanada aufgewachsenen Publizisten. 1994 gehörte er zu einem Trio von Jungverlegern, das in Montreal das Lifestyle- und Jugendmagazin „Vice“ auf den Markt brachte. Später zog er, wie auch seine Zeitschrift, um nach New York, wo er sich vom Hipster zum rechten Provokateur entwickelte. Er sei stolz darauf, ein Weißer zu sein, sagte er bereits 2003 in einem Interview. Er wolle nicht, dass seine Kultur verwässert werde. „Wir müssen unsere Grenzen schließen und dafür sorgen, dass sich jeder einer westlichen, weißen, englischsprachigen Lebensart anpasst.“ Das Überlegenheitsgefühl, das er predigt, geht einher mit einer Verklärung der Kolonialherrschaft, etwa der Ära des britischen Empire. „Wir haben Straßen und Infrastruktur nach Indien gebracht, und sie benutzen sie noch immer als Toiletten“, schrieb er 2017. „Das nächste Mal, wenn sich jemand über den Kolonialismus beschwert, muss die richtige Antwort lauten: Ihr dürft euch anschließen.“ Afroamerikaner, fabulierte McInnes, hätten nicht die geistigen Fähigkeiten, um an Elite-Universitäten bestehen zu können. Sie zu fördern, ergebe daher keinen Sinn. „Wenn Schwarze an Schulen gezwungen werden, für die sie nicht geeignet sind, bleibt ihnen keine andere Wahl, als das Studium abzubrechen.“

Das Southern Poverty Law Center (SPLC), eine Bürgerrechtsinstitution, die das rechtsradikale Milieu beobachtet, ordnet McInnes‘ „Proud Boys“ denn auch eindeutig der Kategorie „hate group“ zu. Gemeint sind Gruppen, die aus Rassenhass, aus antisemitischer Verblendung oder aber aus ausgeprägter Feindseligkeit gegenüber Muslimen zur Gewalt greifen. Auch wenn McInnes bisweilen behaupte, weder Rassist noch Antisemit zu sein, „die vermeintliche Ablehnung von Borniertheit wird durch Taten Lügen gestraft“, fasst es das SPLC in einer Analyse zusammen. Zum einen stellten Mitglieder der „Proud Boys“ rassistische Symbole zur Schau, zum anderen unterhielten sie enge Kontakte zu einschlägig bekannten Extremisten. Nach den Worten ihres Gründers definiert sich die Organisation als Bund „westlicher Chauvinisten“, die sich weigerten, sich dafür zu entschuldigen, dass der Westen die moderne Welt erschaffen habe. Frauen sind nicht zugelassen. Wie Archie Bunker, schrieb McInnes einmal unter Bezug auf eine fiktive Fernsehserienfigur der 1970er-Jahre, sehne man sich zurück nach einer Zeit, „in der Mädchen Mädchen waren und Männer Männer“. Hatte er zunächst an eine Art Stammtisch gedacht, so bot er nach dem Wahlsieg Trumps an, den Personenschutz von Galionsfiguren der amerikanischen Rechten zu übernehmen, die bei öffentlichen Auftritten mit heftigem Protest rechnen mussten. Die Kolumnistin Ann Coulter ist eine von ihnen, ein anderer ist der Blogger Milo Yiannopolous. Auch Roger Stone, ein alter Vertrauter des Präsidenten, ließ sich ab und an von Bodyguards der Organisation begleiten. In letzter Zeit machten die „Proud Boys“, bewaffnet mit Sturmgewehren, Pfefferspray und Schlagstöcken, vor allem durch gezielte Provokationen in Hochburgen der amerikanischen Linken von sich reden. In Berkeley und Seattle marschierten sie ebenso auf wie in Portland, der Metropole des Pazifikstaats Oregon. Wenn Trump sie aufrufe, sich zurück- und zugleich bereitzuhalten, sagt Heidi Beirich, in den USA eine der besten Kennerinnen der rechtsextremen Szene, fordere er eine paramilitärische Miliz de facto dazu auf, Gewehr bei Fuß zu stehen. Ihre größte Sorge, so Beirich, gelte dem 3. November, dem Tag des Votums. Allein der Gedanke, dass „Hunderte von diesen Leuten“ vor Wahllokalen aufziehen könnten, um einzuschüchtern, mache ihr Angst.

Trump ruderte nach der heftigen Kritik an seinem Aufruf am Mittwoch zurück: „Sie müssen sich zurückziehen und die Polizei ihre Arbeit machen lassen", sagte Trump in Washington. Darüber hatte der „Spiegel“ berichtet. Zugleich beteuerte der Präsident, er kenne die gewaltbereite Gruppierung „Proud Boys“ nicht.

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