Pflegenotstand: 130 000 Altenpfleger fehlen bis 2035

Lesedauer: 4 Min

Hat Zahlen zur Pflegesituation in Deutschland vorgestellt: Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln
Hat Zahlen zur Pflegesituation in Deutschland vorgestellt: Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln. (Foto: dpa)

Mit vier Millionen Pflegebedürftigen rechnet das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) bis 2035. Die Folge: Mindestens 130 000 Pflegefachkräfte zusätzlich werden gebraucht. Michael Hüther, IW-Direktor, hält den Abbau von Reglementierungen und eine bessere Bezahlung für nötig, um mehr neue Stellen zu schaffen.

Es herrscht Pflegenotstand: 13 000 neue Stellen will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn deshalb zusätzlich schaffen, doch das wird nicht reichen. Derzeit arbeiten rund eine halbe Million Beschäftige als Altenpfleger 244 000 als Fachkräfte rund 228 700 als Helfer. Die Zahl der arbeitslosen Pfleger deckt bei weitem nicht den Bedarf. Auf 100 Stellen kommen 22 arbeitslose Fachkräfte.

Positiv sei, so Hüther, dass sich die Beschäftigtenzahl zwischen 2013 und 2016 deutlich erhöht habe, um 14,5 Prozent bei den Fachkräften, um 15,7 Prozent bei den Helfern. Gestiegen ist auch die Zahl der Anfänger – in den vergangenen zehn Jahren um zwei Drittel. Und entgegen der öffentlichen Wahrnehmung seien viele Altenpfleger sehr zufrieden mit ihrer Arbeit, drei Viertel bleiben ihrem Beruf treu, so die IW-Studie.

52 Prozent mehr Pflegebedürftige

Doch die Nachfrage steigt weit mehr als die Ausbildungszahlen. Von 1999 bis 2015 hat die Zahl der Pflegebedürftigen um eine Million zugenommen. 52 Prozent nehmen professionelle Pflege in Anspruch. Das sei auch ein Kostenthema, so Hüther. Er rät allerdings, die Ausgaben für alle Sozialversicherungen gleichzeitig im Blick zu haben. Wenn die Arbeitslosenversicherung und eventuell der Rentenbeitrag sinke, sei eine Erhöhung des Pflegebeitrags möglich. Spahn hatte im Juni angekündigt, den Pflegebeitrag um 0,3Prozent anzuheben und kurz darauf gesagt, er hielte auch 0,5 Prozent mehr für möglich. Hüther warnt aber auch: Wenn man die demografiegetriebenen Kosten gemeinsam anschaue, seien Rente mit 63 und die Mütterrente nicht zu verantworten.

Die Pflegefallzahlen sind auch durch die Hineinnahme der Demenz weiter gestiegen. Ein Punkt, um mehr Altenpfleger zu gewinnen, ist die bessere Bezahlung. Denn Altenpfleger liegen mit rund 2611 Euro monatlich 16 Prozent unter dem Gesundheits- und Krankenpfleger. Auch wenn die Ausbildung ab 2020 gemeinsam erfolgen soll, so Hüther, sei doch zu erwarten, dass es viele Absolventen in den besser vergüteten Gesundheits- und Krankenpflegeberuf ziehe.

Hüther kritisierte eine zu starke Regulierung im Pflegebereich, die die Anbieter hemme. Es sei zwar richtig, auf gute Qualität zu achten. So schrieben manche Bundesländer etwa von der Heimgröße über Zimmerangebote bis hin zur Fachkräftequote alles vor. Selbst die Gewinnkomponente für Heimbetreiber werde derzeit unterschiedlich bewertet. Baden-Württemberg akzeptiere 1,5Prozent, Nordrhein-Westfalen halte vier Prozent für angemessen.

„Solange sich die Strukturen, in denen sich die Pflegeanbieter bewegen, nicht ändern, sind auch kurzfristig bereitgestellte Mittel, die durch den Bund verordnet sind, nicht nachhaltig“, so Hüther.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen