Ostbeauftragter Hirte zu 29 Jahren deutsche Einheit: Nach der Euphorie folgte der Schock

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Schwäbische Zeitung

Die Erwartungen vor 30Jahren waren gewaltig. „Man ist mit einer ganz hohen Anfangseuphorie 1989/1990 in die deutsche Einheit gegangen und hat dann erlebt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Nach der Euphorie folgte der ökonomische Schock“, sagt der Ostbeauftragte der Bundesregierung im Interview der „Schwäbischen Zeitung“. Sabine Lennartz sprach mit dem in Thüringen geborenen CDU-Politiker Christian Hirte.

Herr Hirte, Sie müssen es doch wissen: Warum sind so viele Ostdeutsche noch so unzufrieden mit der Einheit?

Ach, na ja. Die Mehrheit der Ostdeutschen ist doch mit ihrer eigenen Situation zufrieden, mit dem, was sie in den letzten 30 Jahren erreicht haben.

Aber mit der deutschen Einheit nicht. Ist es die typisch deutsche Mentalität: Mir geht es zwar ganz gut, aber insgesamt wird alles viel schlechter?

Der Osten ist sehr heterogen. Es gibt einige Ecken im Land, wo die Lage wirklich schwierig ist. Man ist mit einer ganz hohen Anfangseuphorie 1989/1990 in die deutsche Einheit gegangen und hat dann erlebt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Nach der Euphorie folgte der ökonomische Schock. Die ostdeutsche Wirtschaft ist erst einmal zusammengebrochen. Davon haben sich viele Regionen, aber auch viele Bürger nicht richtig erholt. Hinzu kommt ein teils brutaler Bevölkerungsschwund, Kinder und Enkel verließen das Land.

Woher kommt das Gefühl vieler Ostdeutscher, vom Westen kolonialisiert worden zu sein?

Anfangs war ein Elitentausch ausdrücklich erwünscht. Es war gewollt, dass westdeutsche Richter und Staatsanwälte Justiz und Verwaltung aufbauen. Aber 30 Jahre nach der Vereinigung ärgert es viele. Ebenso wie die Tatsache, dass in weiten Teilen des Ostens die Löhne noch niedriger sind.

Jetzt ist 30 Jahre lang eine Generation aufgewachsen, die in Führungspositionen nachfolgen könnte. Wie sieht es denn bei Jüngeren aus?

Junge Leute, die jetzt in Arbeit und Verantwortung aufsteigen wollen, haben eine große Chance. Wir müssen bis 2030 60 bis 70 Prozent der Mitarbeiter in Justiz und Verwaltung erneuern. Ich bin sehr optimistisch, dass in diesem Zusammenhang auch der Anteil von Ostdeutschen in Führungspositionen signifikant steigen wird. Ich halte allerdings nichts von einer Quote, wir sollten nur nach Qualifikationen und Eignung schauen.

Man redet immer über die Ostdeutschen und nicht über die Westdeutschen. Haben die sich zu wenig mit dem Osten beschäftigt?

Bis heute waren viele Westdeutsche noch nie im Osten, oder wenn, dann in den schön restaurierten Städten. Aber nicht in der Peripherie, wo man sehen kann, mit welcher Brutalität der Transformationsprozess gewirkt hat, wie es ist, wenn ein Drittel der Bevölkerung verschwindet und in anderen Teilen Deutschlands aufwächst.

Jetzt ist die Wanderungsbilanz umgekehrt. Ändert sich damit das Gefühl des Abgehängtseins?

Es besteht ein großer Unterschied zwischen Stadt und Land. Die Zuwanderung der jungen Leute erfolgt in die Universitätsstädte, die sogenannten Schwarmstädte: Leipzig, Dresden, Jena, Rostock und Halle, weniger in die ländlichen Räume.

Sie sagten eben, dass für die Unzufriedenheit auch eine Rolle spielt, dass die Löhne noch sehr unterschiedlich sind.

Wir sind bei knapp 85 Prozent. Doch auch im Westen sind die Unterschiede groß, Hessen hat 150 Prozent Durchschnittseinkommen, Schleswig-Holstein aber nur knapp 90 Prozent. Und doch leben in Schleswig-Holstein die glücklichsten Deutschen – ein gutes Einkommen allein macht also auch nicht glücklich.

Wenn nicht das Geld, was kann denn dann die Ostdeutschen glücklicher machen?

Ganz unwichtig ist das Materielle natürlich nicht. Als Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium sage ich, dass wir Instrumente haben, auch den ländlichen Regionen zu helfen. Wir müssen Forschung, Entwicklung und Wachstum unterstützen mit unserer neuen Förderung, übrigens gesamtdeutsch. Das Zweite ist, dass wir die Befindlichkeiten der Bürger ernst nehmen und fördern, dass Bürger in Ost und West mehr ins Gespräch kommen, dass auch die Politik mit ihnen redet. Die Kommission 30 Jahre organisiert im Auftrag der Bundesregierung Bürgerdialoge von Ost und West.

So wie beim Schüleraustausch, 20Oberschwaben nach Bautzen und umgekehrt?

Ein bisschen so. Vertreter aus dem gesellschaftlichen Leben, aus Vereinen zum Beispiel, sollen sich über ein Wochenende wechselseitig besuchen und ins Gespräch kommen, kochen, vielleicht auch einmal einen Wein trinken und politisch diskutieren. Daraus sollen dann Handlungsempfehlungen für die Bundesregierung gewonnen werden.

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