Offizieller Report: So gefährlich sind Cyber-Angriffe in Deutschland

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Bundesinnenminister Horst Seehofer und Arne Schönbohm, Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI),
Bundesinnenminister Horst Seehofer und Arne Schönbohm, Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), stellen den Lagebericht zur Cybersicherheit vor. (Foto: dpa)

800 Millionen Schadprogramme waren im letzten Jahr in Deutschland im Umlauf, 390 000 neue Schadprogrammvarianten jeden Tag – das Bedrohungspotential ist allgegenwärtig. „Die Gefährdungslage ist hoch und angespannt“, sagt Innenminister Horst Seehofer, „für Staat, Wirtschaft und Nutzer“. Das BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik) stellt einmal im Jahr seinen Bericht vor.

Über die Schulter geschaut

Horst Seehofer will diesmal auf zwei Fälle exemplarisch hinweisen: Der erste sind die Angriffe auf das Auswärtige Amt. Eine von der Hochschule des Bundes betriebene Lernplattform wurde angegriffen, um über diesen Schritt Zugang in das Netz des Auswärtigen Amtes zu bekommen. Dieser Angriff scheiterte, und er konnte verdeckt beobachtet werden, um das Vorgehen der Angreifer zu analysieren. Arne Schönbohm, Präsident des BSI, vergleicht das mit einem Einbrecher, den man bei seinem Rundgang über die Schulter schaut.

Der zweite Fall sind die Infektionen mit dem Schadsoftware wannaCry, die unter anderem bei einem Wasserversorger, einem Anlagenbauer und einem Krankenhausverbund festgestellt wurden.

„Die Wirtschaft ist aufgerufen, den Schutz zu intensivieren“, sagt Seehofer. Knapp 70 Prozent der Unternehmen und Institutionen in Deutschland sind in den Jahren 2016 und 2017 Opfer von Cyber-Angriffen geworden. In knapp der Hälfte der Fälle waren die Angreifer erfolgreich und konnten Internetauftritte beeinflussen beziehungsweise Produktions- und Betriebsausfälle herbeiführen.

Laut Horst Seehofer leistet das BSI „unverzichtbare und hoch erfolgreiche Arbeit.“ Er will die IT-Schützer vom BSI den andern großen Organisationen wie dem BKA, dem Verfassungsschutz und Bundespolizei als vierten Pfeiler gleichstellen. Das Personal wird in diesem Jahr um 100 Mitarbeiter aufgestockt. Das alles hört Präsident Arne Schönbohm gerne. „Die Lage hat sich weiter zugespitzt“, so Schönbohm, „und es gibt keinen Grund zur Annahme, dass sich das künftig ändern wird“. Die Vernetzung von IT-Systemen, Alltagsgegenständen und Industrieanlagen führe dazu, dass sich die Abhängigkeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft von funktionierender IT-Infrastruktur täglich vergrößere, so der BSI-Bericht. Schönbohm erinnert an das automatische Fahren als neue Herausforderung.

IHK: Politik muss Betrieben helfen

16 Millionen Warnungen hat das BSI letztes Jahr ausgesprochen. Auch in Baden-Württemberg sind die Fallzahlen angestiegen. „Die Ausspähmechanismen werden dabei immer ausgefeilter“, sagt Baden-Württembergs IHK-Präsident Wolfgang Grenke. „Sich gegen solches Vorgehen abzusichern, wird für Betriebe und Mitarbeiter immer aufwändiger, komplexer und teurer. “ Deshalb sei auch die Politik gefordert: Kleine und mittlere Unternehmen bräuchten vielfältige Hilfen, um in ihren Transformationsbemühungen hin zu Wirtschaft 4.0 auch die Digitalsicherheit 4.0 zu erreichen, so Grenke.

Zugenommen haben im Land auch Fälle von "Sextortion" – also Erpressung auf sexueller Grundlage, 800 Fälle hat das Landeskriminalamt Baden-Württemberg in diesem Jahr bereits registriert. Hier wird gezielt versucht, Menschen aus ihrem Schamgefühl heraus zu erpressen.

Während in der Wirtschaft das Bewusstsein für die Lage hoch ist und 89 Prozent Maßnahmen ergriffen haben, um die Netze abzusichern, ist das Verhalten privater IT-Nutzer sorgloser. Nur jeder Dritte informiert sich gezielt zum Thema IT-Sicherheit. Allerdings wurden schon 19 Prozent selbst zum Opfer von Kriminalität im Internet.

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