Notstand in den Notambulanzen

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Viele Patienten suchen die Notaufnahmen auf, obwohl sie zum niedergelassenen Arzt gehen könnten. Das wird zunehmend zum Problem.
Viele Patienten suchen die Notaufnahmen auf, obwohl sie zum niedergelassenen Arzt gehen könnten. Das wird zunehmend zum Problem. (Foto: dpa)
Schwäbische Zeitung
Larissa Koch und dpa

Ob zur Auffrischung des Impfschutzes oder schlicht mit einem dickem Schnupfen - viele Patienten wenden sich mit leichten Erkrankungen an die Notaufnahmen der Kliniken. Die Ersatzkassen wie Techniker, Barmer GEK oder DAK-Gesundheit schlagen nun Alarm.

Jährlich kommen mehr als 20 Millionen Patienten in die Rettungsstellen, viele am Wochenende, abends und nachts. Schätzungen zufolge könnten ein bis zwei Drittel von ihnen auch zum niedergelassenen Arzt gehen, weil es sich nicht um einen Notfall handelt. Es bestehe die Gefahr, dass schwere Fälle oft zu spät behandelt würden, warnte am Dienstag in Berlin die Vorstandsvorsitzende des Verbands der Ersatzkassen, Ulrike Elsner. Krankenhäuser tendierten zudem dazu, leichtere Fälle stationär aufzunehmen, obwohl das gar nicht nötig sei.

Das AQUA-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen hat die Untersuchung der ambulanten Notfallversorgung durchgeführt und benennt nun diverse Schwachstellen im System. Nach einer eindeutigen Erklärung, warum in den letzten Jahren auffällig häufig Patienten die Klinik-Rettungsstellen aufsuchen, wird aber weiter gesucht.

Joachim Szencsenyi, Leiter des AQUA-Instituts, stellt Vermutungen an: Es könne daran liegen, dass etwa in Urlaubszeiten zu wenige Arztpraxen geöffnet haben, aber auch der demografische Wandel sei wohl ein Grund, denn mehr ältere Menschen suchten die Rettungsstellen auf. Es gebe außerdem zu wenige Beratungsangebote zur Selbsthilfe.

Großmutter konnte helfen

„Früher hat die Großmutter beim fiebernden Kind die Wadenwickel gemacht, heute weiß keiner mehr, wie das funktioniert“, moniert der frühere Hausarzt Szecsenyi. Solche Kompetenzen müsse man wieder stärken. Ein weiterer Grund, warum so viele Patienten in die Rettungsstellen kommen: Die 2012 bundesweit eingeführte Rufnummer 116117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes kennen viele nicht und wählen weiterhin die 112. Beim Bereitschaftsdienst sind Ärzte im Einsatz, die Patienten in dringenden Fällen ambulant behandeln, nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Die Fahrt in die Klinik ist also nicht notwendig.

Der Ersatzkassenverband sieht Bedarf an Patientenaufklärung, aber auch an Reformen der Notfallversorgung. Die Lösung des Problems ist laut dem Gutachten eine zentrale Anlaufstelle an den Krankenhäusern, die an der Notfallversorgung teilnehmen – Portalpraxen, die rund um die Uhr geöffnet haben. Speziell geschultes Personal soll hier die Patienten vorsortieren. Und zwar in akute Fälle für die Notaufnahme, akute Fälle für eine ambulante Behandlung und nicht akute Fälle für Arztpraxen.

Das Krankenhausstrukturgesetz, dass zu Jahresbeginn in Kraft getreten ist, sieht ebenfalls Portalpraxen oder vergleichbare Einrichtungen vor. „Das Gesetz ist gerade mal acht Monate alt. Die Kassenärztlichen Vereinigungen haben eindeutige Aufträge. Wir erwarten, dass diese zeitnah umgesetzt werden“, sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Maria Michalk, der „Schwäbischen Zeitung“.

Noch ist aber wenig passiert. Bundesweit gebe es 600 Praxen an Kliniken, um die Notaufnahmen zu entlasten. Jedoch seien viele dort räumlich versteckt, kritisiert Elsner. Oft fehle es diesen Praxen zudem an klaren Regeln für die Zusammenarbeit mit den Notaufnahmen. Die Ersatzkassen fordern deshalb, dass an jeder der 1600 Kliniken mit Notfallversorgung Portalpraxen eingerichtet werden.

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