Nostalgie und Patriotismus: Warum die Krim für so viele Menschen russisch ist

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Ein Mann im März 2014, mit einer Russland-Fahne an der Bucht in Sewastopol.
Ein Mann im März 2014, mit einer Russland-Fahne an der Bucht in Sewastopol. (Foto: Hannibal Hanschke/dpa)
Varvara Podrugina

Die Higher School of Economics gilt als eine der freiesten Universitäten in Russland. Viele ihrer Studenten protestieren offen gegen Innen- und Außenpolitik der russischen Regierung. Auch Andrej S., der hier Politikwissenschaften studiert, und der seinen vollen Namen nicht nennen will, sieht Russlands politisches System in vielen Punkten kritisch. Ausgerechnet eine der international umstrittensten Aktionen von Russlands Präsident Wladimir Putin unterstützt er aber voll und ganz – den Anschluss der Halbinsel Krim an Russland.

Andrej wurde in Sewastopol geboren. Die Stadt liegt auf der Halbinsel, die nach Verständnis der meisten Staaten einschließlich Deutschlands Teil der Ukraine ist. Entscheidend aus Andrejs Sicht ist das Recht der Menschen zu bestimmen, in welchem Staat sie leben wollen. „Persönlich habe ich in Russland viel mehr Bildungs- und Berufsmöglichkeiten bekommen, als ich in der Ukraine hatte“, fügt er hinzu.

Das offiziell verkündete Ergebnis des Referendums vom 16. März 2014 war eindeutig: 96,5 Prozent der Wählenden sprachen sich dafür aus, dass die Krim Teil des russischen Staates werden soll. Andrej S. hatte selbst nicht abgestimmt, weil er zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Krim war, an den offiziellen Zahlen hegt er aber keine Zweifel. „Das Ergebnis war für mich und für alle, die die Krim wirklich kennen, sofort klar“, erzählt Andrej. Die Menschen auf der Krim wollten aufrichtig ein Teil Russlands sein.

Der Vollzug dieser Entscheidung hat die territoriale Integrität der Ukraine verletzt – ein Prinzip, das in der Charta der Vereinten Nationen verankert ist. Doch in der Charta festgehalten wird auch das Recht auf Selbstbestimmung. Dieses Recht haben die Menschen auf der Krim aus russischer Sicht wahrgenommen. Die widersprüchlichen Bestimmungen im Völkerrecht haben schon viele politische Konflikte ausgelöst, von Katalonien über Schottland bis hin zum Kosovo. Aus russischer Sicht sehen alle diese Falle ähnlich aus. Deshalb spricht man in Russland auch nicht von einer „Annexion“ der Krim, sondern von einer „Vereinigung“. Die EU sieht das anders. Sie erkennt das Ergebnis des Referendums nicht an – schon deshalb, weil es unter dem Druck des russischen Militärs zustande gekommen ist. Eine freie Willensbildung sei da gar nicht möglich.

Igor Okunew, Professor für politische Geografie an der Moskauer Universität für Internationale Beziehungen, hält die innige Beziehung vieler Krimbewohner aber für echt. „Ein Einwohner von Simferopol ist heute oft patriotischer gestimmt als etwa ein Moskauer“, sagt der Forscher. Das habe mehrere Gründe. Erstens seien die meisten Krimbewohner ethnische Russen, Russisch ist ihre Muttersprache. „Sie sehen sich als Bestandteil der russischen Geschichte, Kultur und Politik“, erläutert Okunew. „Jeder Versuch von Kiew, die ukrainische Identität zulasten der russischen zu fördern, wurde als feindlicher Schritt wahrgenommen – zum Beispiel, als die ukrainische Regierung die Menschen aufgefordert hat, Ukrainisch statt Russisch zu sprechen oder ukrainischer statt russischer Nationalhelden zu gedenken“, so Okunew.

Zweitens herrsche eine Nostalgie für die sowjetische Vergangenheit. „Die Krim war der beliebteste Kurort der Sowjetunion, alle wollten sich dort erholen, sogar die Parteielite.“ Nach dem Zerfall der Sowjetunion habe die Krim diese Rolle verloren. „Sogar die ukrainische Mittelschicht hat die Türkei, Ägypten oder Thailand bevorzugt“, sagt Okunew. Das habe auf der Krim den Wunsch nach einer Rückkehr zu vergangenen Zeiten wachsen lassen.

Drittens hätten sich Krimbewohner als „ein belagertes Fort“ im Abwehrkampf gegen rechtsextreme Kräfte in der Ukraine empfunden, ergänzt Okunew. Grund dafür sei die geografische Lage – aber auch die Geschichte der Insel, die mehrfach als erste Verteidigungslinie Russlands diente. „All das hat auf der Krim eine ganz besondere postsowjetische Identität entstehen lassen“, so Okunew.

Nach dem Referendum, erinnert sich der Student Andrej S., habe man zwar eine Reaktion der ukrainischen Regierung erwartet. „Aber der Ton aus Kiew gegenüber uns und gegenüber Russland war dermaßen feindlich, dass dies meine ablehnende Haltung noch vertieft hat.“ Putin hatte sein Vorgehen auf der Krim unter anderem damit begründet, einen „heiligen Ort für die russische Zivilisation“ sichern zu wollen. Andrej S. sind diese salbungsvollen Worte egal, für ihn ist es eine Frage der Gerechtigkeit: „Die Menschen auf der Krim haben beschlossen, ein Teil Russlands sein zu wollen. Und wir hatten darauf ein Recht.“

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